3. Februar 2026

Schmerzhafter Weg in die Freiheit

Von nst5

So manches im Leben von Susanne Ganarin ist anders gekommen,

als sie gedacht hatte. Warum sie trotzdem dankbar ist.

Nach 40 Jahren kehrte Susanne Ganarin an den Ort ihrer Hochzeit zurück. Nicht zum ersten Mal, aber diesmal war es ein besonderer, ein ungewöhnlicher Anlass. Diesmal kam sie allein zum Wallfahrtsort Maria Bildstein im Kanton St. Gallen. Sie wollte ihren Ehering an den Ort zurückbringen, an dem sie ihn 1984 empfangen hatte. Zuvor hatte sie dem dortigen Wallfahrtspriester, einem Benediktiner, ihre Beweggründe geschrieben und eine liebevoll-zustimmende Antwort bekommen – „auch wenn so etwas hier noch nie vorgekommen ist“.

Foto: privat

So stieg sie nun am 26. Juli 2024 den Weg durch den Wald an einem Kreuzweg entlang zur Wallfahrtskapelle hinauf. Kurz vor dem Ziel begannen die Glocken zu läuten. „Wie damals“, stellte Susanne Ganarin fest. Nach dem Gottesdienst, der sie sehr bewegte, ging sie in die Sakristei und in einem feierlichen Moment übergab sie dem Pater ihren Ehering. Anschließend kehrte sie zurück in die Kapelle, wo sie ganz allein war. Im Gebet ließ sie ihre Ehe Revue passieren, dankte für die guten Jahre und ihre Kinder, bat um Verzeihung für ihre Fehler und verzieh ihrem Mann das, wo er sie verletzt hatte. „Es war ein heiliger Moment für mich“, sagt sie rückblickend. „Ich konnte vor Gott abschließen und empfand Freiheit und inneres Licht.“ Sie ging hinunter zum See, kaufte sich ein Eis und kehrte mit dem Schiff nach Zürich zurück, um diesem Tag eine besondere Note zu geben.
1958 geboren, ist Susanne Ganarin mit ihren Eltern und zwei älteren Brüdern im thurgauischen Bischofszell aufgewachsen. Nach der Matura hat sie in Zürich Germanistik studiert und war – mit Unterbrechung durch die Familienzeit – bis zu ihrer Pensionierung viele Jahre lang „mit Leib und Seele“ Lehrerin. Während ihres Studiums hatte sie einen aus dem Trientner Land (Italien) stammenden Mann kennengelernt und später geheiratet. Zusammen haben sie fünf Kinder – vier Töchter und in der Mitte einen Sohn. 2008 hat sich das Paar getrennt und ist seit 2020 geschieden.
Hinter dieser nüchternen Aufzählung verbergen sich zahllose Momente von Freude und Leid, Hoffnung und Enttäuschung, Neuanfang und Aussichtslosigkeit. Leichtfertig hat Susanne Ganarin den Ring nicht zurückgegeben: „Nachdem wir uns getrennt hatten, habe ich ihn weiter getragen.“ Das war selbstverständlich für sie: „Schließlich haben wir viel Gutes erlebt und fünf gemeinsame Kinder. Und ich glaube daran, dass das Ehesakrament bis zum Tod gültig ist.“
Als sich ein früherer Studienkollege bei einer Begegnung im Frühjahr 2024 verwundert darüber zeigte, dass sie den Ring trug, nannte sie auch ihm diese Gründe. Doch diesmal war es anders. Vielleicht zum ersten Mal ließ sie die Frage an sich heran, ob es tatsächlich ihrer gegenwärtigen inneren Lebenswirklichkeit entsprach, den Ring immer noch zu tragen. „Was war mein eigentliches Motiv?“ War es der Glaube an das Sakrament, das sie auch weiterhin nicht in Frage stellte? Oder war es der Wunsch, einen guten Eindruck zu machen: „Schaut mal, eine Frau, die trotz allem zu ihrem Mann steht!“
„Wann bin ich authentisch? Was entspricht mehr der Person, die ich heute bin?“, fragte sie sich und kam zu dem Schluss: „Es ist wahrhaftiger, wenn ich den Ring ablege. So halte ich nicht etwas aufrecht, was nicht der aktuellen Wirklichkeit entspricht – mir selbst gegenüber nicht und auch nicht nach außen.“ Aber was tun mit dem Ring? In den See werfen? Vergraben? Ein anderes Schmuckstück daraus machen? Das passte alles nicht. Schließlich kam ihr der Gedanke, den sie als Eingebung empfand: den Ring dorthin zu bringen, wo sie ihn empfangen hatte.
Als sie 14 Jahre alt war, lernte Susanne Ganarin durch ihren Bruder Max die Fokolar-Bewegung kennen. Damals beschäftigte sie sich sehr mit dem US-amerikanischen Bürgerrechtler Martin Luther King, mit der Frage, wie der Rassismus zu überwinden sei. Als sie Max in der mittelitalienischen Fokolar-Siedlung Loppiano besuchte, erlebte sie eine Gruppe von Menschen aus aller Welt, in der weder die Hautfarbe noch die soziale Herkunft eine Rolle spielten.
Susanne fand Heimat bei den Gen, den Jugendlichen und jungen Erwachsenen in der Fokolar-Bewegung. Und nach einiger Zeit traf auch sie ihre persönliche Entscheidung: Gott sollte den ersten Platz in ihrem Leben haben. Als Studentin lebte sie mit vier anderen jungen Frauen in einer „Gen-Wohnung“ zusammen. Es war eine wilde Zeit in Zürich, gekennzeichnet von Jugendprotesten. Die Jugendlichen trafen sich im Autonomen Jugendzentrum und – nachdem es geschlossen worden war – auf dem Platzspitz in der Nähe des Hauptbahnhofs.
Viele von ihnen hatten Drogenprobleme. „Wir wollten ihnen nahe sein und soweit es uns möglich war, das Leben mit ihnen teilen“, erinnert sich Susanne. „Deshalb sind wir auch einmal über Weihnachten in Zürich geblieben und nicht zu unseren Familien gefahren.“ Die Gen haben Zeit mit ihnen verbracht, ihnen lange zugehört und auch bei der regelmäßigen Essensverteilung auf dem Platzspitz geholfen. Diese und andere Erlebnisse weckten in ihnen den Eindruck: „Alles ist möglich! Wir können die Welt verändern.“ Im Kleinen beginnen, aber die ganze Welt verändern.
Eine Zeitlang hat sich Susanne gefragt, ob ihr Platz – wie bei ihrem Bruder Max – als ehelos Lebende in einer Fokolargemeinschaft sei. Um dem nachzugehen, hat sie einige Monate im Fokolar Zürich mitgelebt. Doch, so attraktiv sie diesen Lebensweg fand und bis heute findet: Sie erkannte, dass auch Partnerschaft und Familie ein Weg mit Gott sind und dies ihr Weg sein werde.

Foto: privat

Wenige Monate nachher lernte sie ihren späteren Mann kennen, sie verliebten sich ineinander, und heirateten 1984. Im Laufe von neun Jahren kamen ihre Kinder auf die Welt – eine große Freude und eine große Umstellung. Die Welt, die Susanne verändern wollte, wurde plötzlich sehr klein: Kinder und Haushalt.
Es hat eine Zeit gedauert, aber dann nahm ihre Entscheidung, Gott den ersten Platz zu geben, eine neue Form an: „Alles hat seinen Wert. Mit allem kann ich dazu beitragen, dass sich etwas verändert.“ Im Alltag ankommen, im Hintergrund sein, nicht mehr auf Bühnen und Plätzen stehen. „In all dem ist mein kindlicher Glaube gereift.“
Die größte Herausforderung jedoch sollte erst noch kommen: In ihrer Partnerschaft traten zunehmend Schwierigkeiten auf. Susanne und ihr Mann lebten sich auseinander, und es gelang ihnen nicht, die Probleme anzusprechen. Lange Zeit glaubte sie dennoch daran, dass sich alles zum Guten wenden könne, dass die Liebe stärker sei. Doch immer häufiger überstieg es ihre seelischen und körperlichen Kräfte.
In einigen dieser Momente, so erinnert sie sich, standen ihr Geschwister aus dem Fokolar in entscheidender Weise zur Seite. „Wieder einmal war ich am Boden zerstört.“ Sie wusste nicht, wie es weitergehen sollte, als jemand aus dem Männerfokolar anrief. „Ich schaffe es nicht mehr“, sagte Susanne zu ihm. „Ich weiß, hier begegnet mir Jesus am Kreuz, dem ich meine Liebe zeigen kann, aber ich schaffe es nicht.“ Ihr Gegenüber hörte lange zu. Dann sagte er nur einen Satz: „Wir machen das für dich“ – in diesem Moment genau das, was Susanne brauchte: „Ich konnte mich fallen lassen und wurde aufgefangen in den Armen eines Bruders.“
Einige Zeit später sprach sie mit einer Freundin aus dem Frauenfokolar. Ihr Mann hatte schon einige Male gesagt, dass er ausziehen wolle, Susanne aber wollte die Familie zusammenhalten. „Ich habe schlimme Situationen ausgehalten, in dem Glauben, wir schaffen das. Doch das hat viel Kraft gekostet, vielleicht zu viel.“ – „So geht es nicht weiter“, meinte ihre Gesprächspartnerin aus dem Fokolar daraufhin. „Ihr müsst euch trennen.“ Von vermutlich niemand anderem hätte sie dies annehmen können, meint Susanne rückblickend. „Doch eine Person, die mir nahe ist, die meine Überzeugungen kennt, konnte mir die Augen öffnen; mir helfen, dass ich mir selbst die Ausweglosigkeit eingestehe und sie dann auch meinem Mann gegenüber ausspreche.“
Kurze Zeit später ist ihr Mann ausgezogen. Es begann eine schlimme Zeit – vor allem für die Kinder. Im inneren Zwiegespräch mit Chiara Lubich, der Gründerin der Fokolar-Bewegung, die im März jenes Jahres gestorben war, hörte Susanne Ganarin einen Satz, der sie durch die folgenden Wochen und Monate trug: „Leb als Kind Gottes!“ Susanne verstand sofort, was dieser Satz bedeutet: „Gott ist mein Vater. Er lässt es zu. Ich kann es annehmen. Das hat mir inneren Frieden und Kraft gegeben und in mancher Situation geholfen, auf gute Weise zu reagieren.“
An einem Abend etwa war sie mit den beiden Jüngsten, damals 12 und 15 Jahre alt, zusammen. Sie haben geweint und über ihren Papa gesprochen, als es plötzlich aus einer der beiden herausbrach: „Wir sind so eine kaputte Familie!“ Von innen gedrängt, konnte Susanne in diesem Moment klar sagen: „Das stimmt nicht! Von außen sieht es so aus. Aber wir sind keine kaputte Familie. Wir haben einander gern. Wir haben auch Papa noch gern – und er uns.“ Das Mädchen hat sich beruhigt, und 14 Tage später sagte genau sie, als alle am Tisch saßen: „Wir sind schon eine coole Familie!“
„Als Gen“, erinnert sich Susanne Ganarin, „haben wir ‚Jesus in seiner Verlassenheit‘ gewählt.“ Am Kreuz, so hatte es Chiara Lubich verstanden und weitergegeben, hatte Jesus alles verloren. Sogar die Beziehung zu seinem Vater im Himmel spürte er nicht mehr, fühlte sich von ihm verlassen. Er hat den tiefsten Schmerz durchlebt und ist uns deshalb in jeder unserer Nöte nahe.
„Er hat sich mir in einer Weise gezeigt, die ich nicht erwartet hätte. Durch viel Schmerz, Fragen, Scheitern, Dunkelheit, die Erfahrung meiner Schwächen hat er mich in eine Tiefe geführt, die ich nicht mehr missen möchte und für die ich sehr dankbar bin,“ sagt Susanne Ganarin und man spürt ihre innere Bewegtheit. „Wenn ich meinem Leben einen Titel geben müsste, dann würde ich sagen: ‚Dankbar für die Barmherzigkeit, die ich erleben durfte.‘ Barmherzigkeit von Gott, meinen Kindern, im Fokolar, meinem ganzen Umfeld.“
Sie ergänzt: „Ich hatte verloren, was mir wichtig war, und war mir meines Anteils daran gut bewusst. Und doch hat mich niemand fallen gelassen. In dieser Situation erleben zu dürfen, in Gottes Arme zu fallen, in die meiner Kinder, meiner Brüder und Schwestern im Fokolar: Das gibt Freiheit – auch die, mich selbst anzunehmen, zu mir zu stehen und zu dem, was war.“
Besonders dankbar ist Susanne für die Beziehung zu ihren erwachsenen Kindern, für die offene Kommunikation mit ihnen. „Sie gehen ihre Wege, ganz verschieden voneinander. Es mag ein wenig kitschig klingen, aber mir scheint: Ein Weg ist schöner als der andere. Ich lerne viel von ihnen – neue Formen des Gebets etwa oder die Kraft feministischer Perspektiven.“ Die Rückgabe des Eherings in Maria Bildstein mag wie ein Abschluss wirken. Und in gewisser Weise war sie es auch. Doch der Weg von Susanne Ganarin geht weiter. Wer weiß, was Gottes Barmherzigkeit ihr noch zeigen will. Und anderen mit ihr.
Peter Forst


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Der Artikel oben ist erschienen in der NEUEN STADT, Januar/Februar 2026 .
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