Im freien Fall
“Das Himmelreich ist nahe! … “
Die Worte der Bibel sprechen zuweilen auch Menschen an, die nicht christlich geprägt sind. Diese Rubrik möchte ihrem Erleben und ihren Gedanken Platz bieten. Diesmal zum „Wort des Lebens“ für Juni 2026: „Das Himmelreich ist nahe.“
Das Himmelreich sehe ich seit acht Monaten jeden Tag. Das klingt schöner, als es ist – denn ich befinde mich im freien Fall.
Ich habe nämlich Ernst gemacht mit „Der Weg ergibt sich beim Gehen“, wie man es von den Spruchbildern auf Instagram kennt. Auf dem Bild ist eine Klippe, daneben viel, viel Himmel. Ein Mensch streckt seinen Fuß ins Leere. Das Motiv begleitet mich seit Tag Eins meiner Selbstständigkeit.
„Wichtig ist, dass man weiß, warum man es macht, und dass es vom Herzen kommt. Das Wie ergibt sich im Rückspiegel!“, schallte es mir anfangs von gleich zwei Stimmen entgegen: Einmal von einer Freundin, die schon lange selbstständig ist; und einmal im Buch „Der Weg des Künstlers“ von Julia Cameron.
Was seitdem passiert ist? Ein paar Felsbrocken haben meine Stirn geküsst. Manchmal wedelte ein Stück Hängebrücke verheißungsvoll in der Ferne, nur, um beim Zupacken sofort zu zerreißen. Manchmal habe ich gemerkt, wie mir Flügel gewachsen sind. Der nächste Felsbrocken hat sie schnell wieder gestutzt.
Wer Tarot-Karten kennt, hat längst ein bestimmtes Bild im Kopf: das vom Narr. Der steht am Abgrund und hebt den Blick verträumt gen Himmel. Er ist kurz davor, ins Leere zu treten. Ein Hund hüpft vergnügt herum. Oder warnt er den Narren? Die Atmosphäre ist überraschend positiv: fröhliche Farben; ein prächtiges Hemd vom Narr; der Himmel komplett vom Sonnenlicht geflutet. In der Hand trägt der Narr eine Blume, als wollte er sie jederzeit verschenken.
Das habe ich auch immer wieder gemacht: kostenlos – oder wie wir in Bayern sagen, „umsonst“ – gearbeitet. Immer in der Hoffnung, dass was nachkommt. War dieses Verhalten nicht närrisch?! Viele raten davon ab, und noch mehr sagen: „Das war bei mir genauso!“
Immer wieder fällt mir Indiana Jones ein, wie er kurz vor der Entscheidung steht, ob er den Schritt in den Abgrund wagen soll, um auf der anderen Seite den Heiligen Gral zu finden. Zu seinem Glück tut sich die magische Brücke unter seinen Füßen sofort auf.
„Wer gibt, bekommt zwangsläufig zurück.“ Das ist der Spruch auf dem nächsten Insta-Bildchen. Die Magie hierbei sei, dass die Retour oft von anderer Stelle käme. Ja, sie könne sogar komplett unerwartet sein! Ist es nicht das, was die Heldenreise ausmacht? Denn sonst wäre sie ja auch kein Abenteuer.
Vermutlich ist genau das die Kunst: fliegen, die ganzen blauen Flecken riskieren, im Vertrauen bleiben und rechtzeitig zupacken.
So breit, wie die Arme ausgestreckt sind, ist es immerhin auch das Einfachste, sofort aufgefangen werden zu können.
Miriam Lochner
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Der Artikel oben ist erschienen in der NEUEN STADT, Mai/Juni 2026.
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