25. Oktober 2011

Die Grenzen der Unendlichkeit

Von nst_xy

Der Blick in den nächtlichen Sternenhimmel hat mich schon als Junge angerührt. Angesichts der endlosen Weite und der unfassbar großen Zahl von Sternen schien der Mensch so bedeutungslos! Fragen über Fragen kamen, als ich nachts im Bett lag, und raubten mir den Schlaf. Meine Versuche, mit der räumlichen Vorstellungskraft an die Grenzen des Universums vorzudringen, scheiterten kläglich: Wie endet es, wo endet es? Und wenn es endet, was ist dann dahinter?

Auch die Ewigkeit ließ sich nicht in bekannte Zeit-Kategorien packen. Denn selbst wenn ich mir extrem lange Zeiträume dachte, konnte ich mir immer noch ein Davor und ein Danach vorstellen. Ich konnte mein kleines Hirn zermartern, bis ich Kopfschmerzen bekam, meine Fragen endeten in einer Sackgasse oder einem Teufelskreis.

Auch Arnold Benz, der sich sein Leben lang mit Astrophysik beschäftigt, kann diese Fragen nicht endgültig beantworten. Dass sich ein Naturwissenschaftler auch mit religiösen Fragen befasst, ist eher selten. Damit gilt Benz als jemand, der Grenzen überschreitet. Mein Eindruck ist, dass er jedoch gerade mit seinem Wissen UND seinem Glauben meinen Horizont erweitern kann.

Mit einer „Grenzüberschreitung” Richtung Polen konnten wir auch bei der NEUE-STADT-Leserreise unseren Horizont erweitern: Die Begegnung mit den Menschen und der – teils ruhmreichen, teils leidvollen – Geschichte hat unsere Haltung Land und Leuten gegenüber verändert.

Jugendliche aus Österreich sind auf einer anstrengenden Radtour zum Weltjugendtag nach Madrid an ihre körperlichen Grenzen gestoßen. Gleichzeitig hat sie die gemeinsame Grenzerfahrung zusammengeschweißt; sie sind in schwierigen Situationen füreinander eingestanden und offener für andere geworden.

Ob es das Universum, ein anderes Land oder unser Gegenüber ist: Oft haben wir ein bestimmtes, unverrückbares Bild davon. Arnold Benz versucht klarzumachen, dass das Universum nicht immer unverrückbar gleich bleibt. Es ist dynamisch: Neues entsteht, Altes vergeht, der Prozess der Schöpfung setzt sich fort. Das heißt, ich muss mein altes Bild vom immer gleichen Kosmos revidieren, so wie wir auf der Leserreise unser Bild von Polen korrigieren mussten, und so wie ich mein Bild von einem anderen Menschen vielleicht erneuern muss, wenn ich mich wirklich auf ihn einlasse.

Mit den Grenzen ist das so eine Sache: Bin ich, wo ich Grenzen sehe, vielleicht nur auf meine eigene Begrenztheit gestoßen? Die kann ich annehmen lernen, wie ich als Junge irgendwann akzeptieren lernte, dass ich keine Lösung auf meine Fragen zur Unendlichkeit fand. Andere Grenzen kann ich überschreiten lernen und gelange zu neuen Erkenntnissen, neuen Begegnungen, erneuertem Glauben.

Die Bereitschaft, die einen Grenzen anzunehmen und die Fähigkeit, die anderen Grenzen zu überschreiten, wünscht Ihnen
Clemens Behr

(Erschienen in der gedruckten Neuen Stadt, Oktober 2011)
Ihre Meinung ist uns wichtig, schreiben Sie uns! Anschrift und Email finden Sie unter Kontakt.
© Alle Rechte bei Verlag Neue Stadt, München