Geber und Empfänger zugleich

Weltweit engagiert sich die Fokolar-Bewegung dafür, Not zu lindern und Lebensbedingungen zu verbessern. Ein Großteil ihrer sozialen Projekte wird über die AMU, eine Nichtregierungsorganisation in Italien, finanziert. Worin besteht ihre Philosophie? Was sind ihre Ziele? Wonach sucht sie die Projekte aus?

Ein Kind in Bururi, Burundi, freut sich über ein Trinkwasser-Leitungssystem für 6.000 Personen. – Fotos: (c) AMU

Ein Ernährungszentrum in Uganda, eine Schule im Sudan, ein Brunnen in Burundi, ein Krankenhaus im Kongo, Mikrokredite für Existenzgründungen in Paraguay: Die Vielfalt der Projekte, die die AMU auf allen fünf Kontinenten unterstützt, ist enorm. „Schon in der Anfangsphase eines Projekts arbeiten wir mit der jeweiligen Gemeinschaft vor Ort zusammen“, erzählt Giuliana Sampugnaro, im zehnköpfigen AMU-Team für Öffentlichkeitsarbeit zuständig. Ohne Einbeziehung der Personen, die davon profitieren sollen, sei jedes Projekt zum Scheitern verurteilt. „Sie selbst kennen ihre Bedürfnisse am besten – und ihre Möglichkeiten. Mit ihnen zusammen wird das Projekt entwickelt, vorangebracht, angepasst, der Erfolg überwacht. Unser Ziel ist, dass es sich nach drei, vier Jahren selbst trägt.“ Die AMU will weder Hilfe von oben herab leisten noch Abhängigkeiten schaffen.
2017 hat die AMU bei einem Spendenaufkommen von rund 1,8 Millionen Euro 34 Projekte unterstützt und zwölfmal Katastrophenhilfe geleistet. Ohne die Aussicht, dass ein Projekt in absehbarer Zeit auf eigenen Füßen steht, wird es gar nicht erst angepackt. Komplexe Vorhaben können bis zu einem Jahr Planung erfordern, bis entschieden wird, ob ihre Durchführung tatsächlich sinnvoll ist.

Kinder unterwegs zu ihrer Schule in Bolívar in den peruanischen Anden

„In Ägypten unterstützen wir ein Zentrum für bedürftige muslimische Kinder“, berichtet Projektkoordinatorin Anna Marenchino. Die Mütter befürchteten zunächst, ihre Kinder sollten in dem vorwiegend von Christen geführten Zentrum bekehrt werden. „Sie merkten aber bald, dass ihre Skepsis unbegründet war. Vielmehr erlebten sie, dass ihre Mädchen und Jungen hier wieder Kinder sein konnten; ihre Selbstsicherheit, Talente und Fähigkeiten wurden gefördert. Daraufhin boten sich die Mütter an, das tägliche Mittagessen im Zentrum zu kochen.“ Mit dem Beispiel verdeutlicht Anna Marenchino, worum es der AMU geht: Hilfe soll keine Einbahnstraße sein. Jeder kann sich einbringen. „Auch die Empfangenden können Verantwortung übernehmen. Das ist unser Ziel. Wir wollen eine Kultur des Gebens verbreiten, der Gegenseitigkeit.“

Italien: Benefiz-Aktion für AMU-Projekte

Rund 1 100 Spender sorgen dafür, dass die Projekte finanziert werden können. Stark vertreten seien Italien, Westeuropa und Südkorea, sagt Giuliana Sampugnaro, die auch im Fundraising der AMU arbeitet. Darunter zahlreiche Einzelpersonen, aber auch Gruppen; Firmen, viele davon in der Initiative „Wirtschaft in Gemeinschaft“ aktiv. Dahinter stehen Menschen, die oft selbst nicht gerade im Überfluss leben und daher über Aktionen Geld auftreiben: Benefizessen, Sponsorenläufe, Theaterabende, Tombolas; Schulen organisieren Flohmärkte; Privatpersonen erbitten zu einer Taufe, Hochzeit, Betriebsfeier oder zum Geburtstag anstatt persönlicher Geschenke Spenden für ein bestimmtes Projekt. „Sie fühlen sich mitverantwortlich, machen es bekannt und verbreiten dabei die Haltung, Teil der weltweiten Menschheitsfamilie zu sein“, sagt Sampugnaro.

Die Schule in der Pfarrei von Pater Emeterio in Bolívar, Peru.

Im zweimal jährlich erscheinenden Heft „AMU Notizie“ gibt die Organisation Rechenschaft über ihre Finanzen und informiert über den Fortgang der Projekte, auf ihrer Homepage auch auf Deutsch. Vor einigen Wochen hat Pater Emeterio, in dessen Pfarrei in den peruanischen Anden eine Schule gebaut wurde, eine sehr aktive Gruppe im Tessin besucht, die den Bau unterstützt hatte. Er berichtete den Schweizern, wie sich die Schule entwickelt und welche Zukunftschancen sie den Kindern der abgelegenen Region bietet. Die Tessiner wiederum erzählten ihm, was sie auf die Beine gestellt hatten, um zur Finanzierung beizutragen. Manchmal sei es möglich, so Sampugnaro, dass „Spender“ ein Projekt besuchen. Dank direkter Begegnungen bewegen sich die Empfangenden mit größerer Verantwortlichkeit und Eigeninitiative; die Gebenden bekommen einen persönlichen Bezug zu „ihrem” Projekt und erhalten etwas zurück: Dank, tiefe Gastfreundschaft, das Erleben anderer Kulturen und Lebensbedingungen, das Wissen um die Früchte ihres Einsatzes. „Beide Seiten erfahren sich als Gebende und Empfangende”, ist Giuliana Sampugnaros Resümee.
In Italien die Kenntnis über die Bedingungen weltweiter Ungerechtigkeit zu verbreiten, ist eine der Aufgaben der AMU. Abhängigkeiten zwischen Nord und Süd, internationale Zusammenarbeit, Menschenrechte, nachhaltiger Gebrauch der Rohstoffe, kritischer Konsum: Dazu veranstaltet sie Themenabende, Seminare, Schulprojekte und Lehrerfortbildungen. Die AMU unterstützt auch Initiativen in Europa: „Raise“ versucht in Portugal, Arbeitslosen eine Anstellung zu verschaffen oder sie in die berufliche Selbstständigkeit zu begleiten. Ein Projekt in Italien für junge Flüchtlinge und Einheimische zielt darauf ab, ihnen mit Arbeitsplätzen ein von Hilfsangeboten unabhängiges Leben zu ermöglichen.

Giuliana Sampugnaro und Francesco Tortorella: AMU-Büro in Grottaferrata bei Rom. – Foto: (c) C. Behr (alle anderen Fotos: (c) AMU)

„Jedes Projekt ist ein Mittel, um die Geschwisterlichkeit unter den Völkern zu fördern”, greift Anna Marenchino den Faden wieder auf. Das drücke der Name AMU aus, Aktion für eine Geeinte Welt. Die Mitglieder und Freunde der Fokolar-Bewegung, die sich in den Projekten vor Ort engagieren, setzen vor allem anderen auf die persönlichen Beziehungen. „Nach dem Tsunami in Indonesien 2004 haben Leute von der Bewegung zerstörte Fischerdörfer besucht, sich mit den Bewohnern zusammengesetzt und ihnen zugehört: Was sie brauchten, haben sie genau notiert, bevor sie Hilfslieferungen organisierten. Einige lebten und arbeiteten ein Jahr lang in den Dörfern mit“, erzählt Anna Marenchino. Auf diese Weise fühlen sich die Menschen angenommen, verstanden, können ihre Würde bewahren. Vorurteilen wird die Nahrung entzogen, Beziehungen wachsen: Grundlage dafür, dass Hilfe angenommen wird und dauerhaft wirkt. „Dann passiert es, dass sie irgendwann sagen: ‚Danke, ich komme jetzt allein zurecht. Kümmert euch lieber um diese Nachbarn oder jene Dörfer, die haben es nötiger.’ Und sie fangen selbst an zu helfen.“

Menschen in Burundi und eine AMU-Mitarbeiterin planen ihr neues Projekt von Anfang an gemeinsam.

In letzter Zeit nimmt die akute Krisenhilfe bei der AMU einen immer größeren Raum ein. „Wenn die Medien die Nachricht von einer Katastrophe irgendwo auf der Welt verbreiten, gehen oft schon am gleichen Tag die ersten Spenden für humanitäre Hilfe bei uns ein”, erläutert Projektmanager Francesco Tortorella. „Dann schauen wir, ob wir in der Gegend Kontaktpersonen haben, und nehmen Verbindung auf. So können wir die Lage besser einschätzen und verstehen, ob sie vor Ort ausreichend Kapazitäten für Hilfseinsätze haben.“ Wenn nicht, wird abgewogen, ob eine Zusammenarbeit mit vertrauenswürdigen Institutionen in der Region wie der Caritas möglich ist.

AMU-Projekt: Nachhaltiger Tourismus in Argentinien

Francesco Tortorella ist auf die politische Unabhängigkeit der AMU stolz. Denn manche Hilfsorganisationen schneiden ihre Projekte darauf zu, aus welchen Töpfen sie gerade Zuschüsse bekommen können. „Das ist legitim“, findet Francesco Tortorella, „geht aber oft an den existenziellen Bedürfnissen der Menschen vorbei. Wir dagegen orientieren uns an ihren freien Entscheidungen. Mit dem Risiko, dass deren Not gerade keine Priorität in der Entwicklungspolitik hat. So kommt es, dass wir noch in Brasilien tätig sind. Und in abgelegenen Andenregionen, die unsere Politik gerade überhaupt nicht im Blick hat, obwohl sie zu den ärmsten der Welt gehören.“
Clemens Behr

AMU
steht für „ Azione per un Mondo Unito “ – Aktion für eine geeinte Welt. Die gemeinnützige Organisation wurde 1986 gegründet und ist vom italienischen Ministerium für Auswärtige Angelegenheiten und Internationale Zusammenarbeit anerkannt. Sie ist beim Ministerium für Bildung und Forschung in Rom für die Weiterbildung von Lehrpersonen an Schulen zu Themen rund um „ Eine Welt “ und Menschenrechte eingeschrieben.
AMU Luxemburg und AMU Portugal sind eigenständige Organisationen mit kleinerem Aufgabengebiet. Sie verfolgen die gleichen Ziele und stimmen sich mit der AMU in Italien ab.
www.amu-it.eu
“Aktion für eine geeinte Welt e.V.” Deutschland: Info-Flyer

(Erschienen in der gedruckten Neuen Stadt, November/Dezember 2018)
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