Wenn der Körper unterversorgt ist

Hunger leiden muss bei uns kaum jemand. Mangelernährung gibt es aber durchaus. Wer ist gefährdet? Worauf sollte man achten? Und wie können Ärzte helfen? Das wollen wir von Ernährungsmediziner Johann Ockenga in Bremen wissen.

Wir leben in einer Gesellschaft, in der es alles gibt. Wie ist es möglich, dass Menschen trotzdem nicht gut ernährt sind, Herr Ockenga?
Ein schlechter Ernährungszustand hat damit zu tun, dass die Nahrungszufuhr nicht mehr ausreicht, um den Bedarf zu decken. Die wenigsten sind mangelernährt, weil sie einer übertriebenen Diät gefolgt sind. Meistens trifft es chronisch Kranke, die zum Beispiel eine schwere Rheumaerkrankung oder Herzinsuffizienz haben, oder Tumorkranke. Sie haben vielleicht einen Tumor in der Speiseröhre und können nicht schlucken, oder ein anderer Krebs bewirkt Appetitlosigkeit. Betroffen sein können auch ältere Menschen, die akut krank sind, eine Lungenentzündung, einen Schenkelhalsbruch oder eine andere Erkrankung haben und im Krankenhaus oder anderweitig versorgt werden müssen. Ältere Menschen sind überhaupt eine Risikogruppe, vor allem, wenn sie allein oder in einem schwierigen sozialen Umfeld leben und niemand darauf achtet, dass sie ausreichend essen und trinken und entsprechend eingekauft wird.

Woran erkennen Sie Mangelernährung?
Am leichtesten am reduzierten Körpergewicht. Ausschlaggebend ist der Body-Mass-Index (BMI). Dafür nimmt man das Körpergewicht und teilt es durch die Körpergröße zum Quadrat. Denn ein Zwei-Meter-Mensch hat natürlich ein anderes Normalgewicht als jemand, der nur 1,60 Meter groß ist, und wir wollen ja vergleichen können. Nach der Klassifikation der Weltgesundheitsorganisation WHO bedeutet ein niedrigerer BMI als 18,5 bei Erwachsenen Untergewicht, bei älteren Menschen ein BMI unterhalb von 22 kg/m2. Wobei ein übergewichtiger Patient 10 Kilogramm Gewicht verlieren, immer noch übergewichtig und trotzdem mangelernährt sein kann. Denn neben Fett kann auch wertvolle Substanz wie Muskel- oder Organmasse abgebaut worden sein. Deswegen ist ein ungewollter Verlust von mehr als 5 Prozent des Körpergewichts immer ein Alarmzeichen.
Daher fordern wir als Deutsche Gesellschaft für Ernährungsmedizin e.V. DGEM, dass jeder Patient, der in ein Gesundheitssystem oder eine Pflegeeinrichtung eintritt oder neu zu einem Hausarzt kommt, daraufhin untersucht wird. Dass er befragt wird: Wie ist Ihr aktuelles Gewicht? Haben Sie Gewicht verloren? Haben Sie weniger gegessen als sonst? – So kann man einen Eindruck gewinnen, ob er von einer Therapie profitieren würde. Das hieße dann, die Quantität und die Qualität seiner Nahrungsaufnahme zu steigern. Es sollten 30 bis 35 Kilokalorien pro Kilogramm Körpergewicht sein und ausreichend Eiweiß, um lebenswichtige Funktionen in Gang zu halten, das Abwehrsystem zu stärken und Muskeln zu erhalten oder wieder aufzubauen.

Wie sieht es bei Spurenelementen und Vitaminen aus?
Wie bei den Makro- kann auch bei den Mikronährstoffen ein Mangel auftreten, wenn Sie sich über längere Zeit wenig oder einseitig ernähren. Bei exotischen Diäten müsste man darauf achten, dass keine wichtigen Stoffe fehlen. Nur in bestimmten Krankheitssituationen empfehlen wir Patienten, eine Multivitamin-Tablette am Tag zu nehmen. Wer sich normal ernährt, braucht das nicht. Normal heißt vielseitige Kost, die auch Obst und Gemüse enthält. Es gibt keine Daten, die belegen, dass man Tumorerkrankungen verhindern kann, indem man jeden Tag einen Vitamin-Cocktail einnimmt. Manche Leute haben da ja ganz abstruse Vorstellungen.

Wir haben nur ein Sättigungsgefühl, aber leider kein Gefühl dafür, dass uns bestimmte Stoffe fehlen…
Zumindest nicht bewusst. Vieles passiert unbewusst: Wir essen ja auch gern eher kalorienreiche Sachen, also fetthaltig oder süß; das ist schon über Jahrmillionen zur Energiezufuhr für schwere körperliche Tätigkeiten so trainiert. Aber Sie haben Recht, wir haben keinen spezifischen Sinn, der uns warnt, wenn uns Vitamine fehlen. Das kann man höchstens in Laboruntersuchungen feststellen.

Was bewirkt Mangelernährung bei älteren Menschen?
Statistiken zufolge sind 20 bis 50 Prozent der geriatrischen Patienten, die betreut werden, mangelernährt. Die Folge: Sie sind länger im Krankenhaus, die Erholungsphasen dauern länger, nach Schenkelhalsfrakturen brauchen sie mehr Zeit, bis sie wieder auf die Beine kommen. Sie haben ein höheres Risiko an Infektionen wie einer Lungen- oder Harnwegsentzündung. Oder eine verzögerte Wundheilung, nach einer OP offene Beine. Mangelernährung kann sich auf die Gehirnfunktionen auswirken; Stürze werden häufiger.

Wieso sind ältere Menschen häufiger schlecht ernährt?
Aufgrund von Vorerkrankungen, weil sie sich einseitig ernähren oder weil sie überhaupt zu wenig essen. Sie haben keinen Appetit oder denken, der Aufwand lohnt nicht, für sich allein etwas zurechtzumachen. Es ist möglich, dass sie nur schlecht kauen können oder beim Kauen Schmerzen haben, ihre Zahnprobleme nicht angehen und daher zu wenig essen.
Sie sollten täglich ein Mittagessen bekommen, das sie mögen, und man sollte auch für Zwischenmahlzeiten sorgen: zwischendurch ein Milchshake oder etwas anderes, das sie gernhaben und mit dem sie über den Tag verteilt ausreichend Kalorien und Eiweiß bekommen.

Sind Kinder und Jugendliche weniger gefährdet?
Bei ihnen ist die Gefahr nicht so groß. Ein Alarmzeichen bei Kindern ist, wenn sich ihr Wachstum verlangsamt, wenn sie unterentwickelt bleiben. Es kann vorkommen, dass sie dann sehr müde sind und Konzentrationsschwierigkeiten haben. Wenn sie nicht wachsen, kann das auf eine Krankheit hindeuten. Denn in unserer Region, wo die meisten genug zu essen haben, zeigen in erster Linie chronisch kranke Kinder Mangelsymptome.
Für das Erkennen und Behandeln sind die Kinderärzte zumeist sehr gut trainiert. Die festgelegten Früherkennungsuntersuchungen von Kleinkindern könnten eine Gefährdung aufdecken.

Ständig werden neue Diäten beworben; wir erhalten immer neue Tipps, was wir essen sollen und was nicht. Wie sollen wir uns da verhalten?
Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung gibt zehn Tipps für eine gesunde Ernährung (www.dge.de). Die Kost muss vor allem vielseitig sein! Entscheidend ist die Gesamtkalorienmenge; welchen Anteil Kohlenhydrate und welchen Anteil Fette haben, spielt eine geringere Rolle. Eine gesunde Person sollte 0,8 Gramm Eiweiß pro Kilogramm Körpergewicht zuführen. Bei Kranken ist es deutlich mehr: 1,2 bis 1,5 Gramm. Zum Eiweiß: Man braucht nicht jeden Tag Fleisch! Ein- bis zweimal in der Woche reicht in der Regel aus. Denn Eiweiße nehmen wir beispielsweise auch mit dem Gemüse auf. Obst und Gemüse sollten Sie auf jeden Fall zu sich nehmen! Fünfmal am Tag eine kleine Portion, lautet eine alte Devise. Also jeweils einen Apfel, eine Banane oder etwa eine Handvoll Gemüse.

Mangelernährung soll auch in Krankenhäusern vorkommen, zum Beispiel wenn bei schwerkranken Patienten zu wenig auf den spezifischen Ernährungsbedarf geachtet wird.
Das stimmt. Wer drei Tage wegen einer OP in der Augenklinik ist, hat aber nichts zu befürchten. Das passiert eher bei Langzeitpatienten. Auch aus diesem Grund plädieren wir Ernährungsmediziner ja für ein generelles Screening bei der Aufnahme des Patienten ins Krankenhaus. Denn dann könnte man rechtzeitig eine Ernährungsfachkraft einschalten, die sich parallel zu den anderen medizinischen Leistungen um die Ernährung kümmert. Das kann den Heilungsverlauf positiv beeinflussen.
In Dänemark, Großbritannien, den Niederlanden ist dieses Screening schon gesetzliche Pflicht beziehungsweise fest verankert. In unseren Krankenhäusern müsste das Bewusstsein, dass bei vielen chronisch Kranken, Tumorpatienten und älteren Patienten eine spezielle Ernährung nötig ist, deutlich steigen! Das gilt genauso für die Betreuung nach dem Krankenhausaufenthalt. Auch da wäre es sinnvoll, wenn sich die Menschen entsprechend ernähren, um den Heilungsprozess weiterzuführen. Dafür ist es von Nachteil, dass wirErnährungsberatung nicht verschreiben können. Anders als beispielsweise bei der Krankengymnastik müssen die Patienten einen Eigenanteil zahlen. Ernährungsberatung ist bisher in Deutschland nur für ganz ausgewählte Stoffwechseldefekte bei Kindern zugelassen. Diese Probleme müssten von der Gesellschaft und der Politik erkannt und besser in unserem Gesundheitssystem abgebildet werden.

Ganz grundsätzlich zur Ernährung: Bräuchte es dazu mehr Bildung und gesundheitliche Aufklärung? Müssten wir mehr auf unsere Körpersignale achten, unser Menschsein ganzheitlicher sehen?
Die Frage ist, wo wir ansetzen wollen. Was erwarten wir von den Patienten und was nicht? Selbstvorsorge, „Selbstfürsorge“ ist natürlich ein wichtiges Thema. Da gibt es immer Verbesserungspotenzial! Gerade, wenn Sie zu einer Risikogruppe gehören, also älter werden oder eine chronische Erkrankung haben, wäre es wünschenswert, dass Sie sich bewusst mit Ihrer Gesundheit, mit Ihrer Krankheit auseinandersetzen und Gewohnheiten verändern in der Ernährung und in Richtung gesunder Lebensführung insgesamt.

Herzlichen Dank für das Gespräch!
Clemens Behr

Johann Ockenga
ist 1964 in Spetzerfehn bei Aurich geboren. Er hat in Hannover Medizin studiert und an der Medizinischen Hochschule Hannover und an der Charité in Berlin gearbeitet. Heute ist er Facharzt für Innere Medizin, speziell Gastroenterologie, und Direktor der Medizinischen Klinik II am Klinikum Bremen Mitte. Professor Ockenga hat einen Lehrauftrag in Göttingen und ist Vizepräsident der Deutschen Gesellschaft für Ernährungsmedizin.
www.dgem.de

(Erschienen in der gedruckten Neuen Stadt, März/April 2019)
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