Die Gefühle bleiben.

Die Demenz eines vertrauten Menschen kann uns von ihm entfremden. War die Beziehung stark, ist diese Gefahr jedoch geringer, erlebt Gundula Hirschberg. 

Vor vier Jahren bekam meine Mutter Schwindelanfälle. Wir holten sie in eine Münchner Klinik und suchten auch eine Psychologin auf. Die sagte, die Attacken könnten Vorzeichen einer Demenz sein. Ich begann mich zu informieren und sprach mit meiner Mutter offen über die Krankheit. Anfangs wehrte sie ab, überspielte es, wenn sie Namen verwechselte. Eines Tages war sie überzeugt, ihr Portemonnaie verloren zu haben. Sie suchte das Geschäft ab, wo sie einkaufen ging, den Friedhof mit dem Grab meines Vaters. Schließlich lag das Portemonnaie doch zu Hause: ein Moment, wo sie fast in Panik geriet, sich aber auch erstmals eingestand, dass etwas nicht stimmte.
Als großen Schmerz empfand ich den Verlust der Sprache, der schnell voranschritt. Sich nicht mehr ausdrücken zu können, machte auch ihr selbst Angst. Über Jahre hatten wir fast täglich telefoniert. Oft spürte ich schon an der Stimme, wie es ihr geht. Nicht mehr so mit ihr reden zu können, fiel mir schwer. Meine beiden Töchter und ich rufen sie weiterhin an, aber fünf Minuten reichen ihr meist.
Vor zwei Jahren kochte sie noch selbst, aber vieles klappte immer weniger. Ich fürchtete, sie aß und trank nicht genug. So schlug ich ihr vor, eine Pflegekraft zu engagieren, die ihr Mittagessen bringt. Da begann sie zu weinen: Sie brauche keine Hilfe. Wir machten Mut: „Probier es doch mal aus!“ Beim ersten Besuch der Pflegerin versteckte sich meine Mutter in der Dusche. Ich kam nicht an sie heran. Nachdem dann meine jüngere Tochter, damals 16, mit ihr gesprochen hatte, war sie verwandelt und nahm alles an.
Sie das erste Mal in die Tagespflege zu bringen, war, wie ein Kind erstmals im Kindergarten abzugeben: Wie viel kostete es sie, dort zurückgelassen zu werden! Bald fühlte sie sich zwar wohl, aber ich hatte trotzdem Schuldgefühle, sie abgeschoben, entwurzelt zu haben.

Symbol-Foto (Ausschnitt): (c) KatarzynaBialasiewicz (iStock)

Letztes Jahr im Oktober kam der Tag, an dem es trotz aller Hilfen zu Hause nicht mehr ging. Meine drei Brüder wohnen in ihrer Nähe. Zusammen entschieden wir, sie in ein Heim für Senioren mit Demenz zu geben, mit dem sie sich schon früher einverstanden gezeigt hatte. Zusammen erklärten wir ihr diesen Schritt. So merkte sie, wir stehen alle dahinter. Wir brachten sie sogar gemeinsam hin. Dieser Abnabelungstag war hart!
Zu Ostern äußerte sie, das Heim sei ihr Zuhause. Als Familienmensch tut ihr die Gemeinschaft gut. Ihre Sprachfähigkeit hat sich verbessert. Wenn ich sie besuche, gehen wir spazieren, in ein Café, singen oder beten zusammen. Wir nehmen sie häufig in den Arm, zeigen, wie gern wir sie haben. Denn wenn mit der Demenz auch viele Fähigkeiten verloren gehen: Die Gefühle werden nicht dement. Sie bleiben. Die gegenseitige Vertrautheit bleibt. Trotz der großen Entfernungen. Trotz der Entfremdung. Was ich dennoch spüre: Die geliebte Person, wie ich sie ein Leben lang kannte, ist nicht mehr die gleiche. Unsere Wertschätzung kommt als Dankbarkeit von ihr zurück: Über unsere Besuche freut sie sich sehr! Erzähle ich von den Töchtern, strahlt sie und zeigt, wie sehr sie ihre Enkelinnen im Herzen hat.

Gundula Hirschberg
53, lebt mit ihrer Familie in der Nähe von München, ihre 79-jährige Mutter 800 Kilometer entfernt in Mecklenburg. Täglich hat sie mit ihr telefoniert, bis erste Anzeichen einer Demenz auftraten. Sie erzählt über die Entwicklung der Krankheit, die eigenen Gefühle, ihre Beziehung zur Mutter, die sie heute alle sechs Wochen besuchen fährt.

(Erschienen in der gedruckten Neuen Stadt, September/Oktober 2019)
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