Über Beschränkungen hinweg

Die Corona-Pandemie hat den Alltag weltweit verändert. Gemeinschaftliche Erfahrungen und Gesten der Solidarität sind aber trotz aller Einschränkungen möglich.

Welche Wege Menschen gefunden haben, die sich der Spiritualität der Einheit verbunden wissen, zeigen ein paar Beispiele aus verschiedenen Ländern und Kontexten.

Maria Voce. – Foto: (c) CSC audiovisivi

Die durch das Coronavirus ausgelöste Pandemie zwang viele Länder zu drastischen Maßnahmen. Weitreichende Ausgangsbeschränkungen sind auch für Menschen, die eine gemeinschaftliche Spiritualität leben, eine Herausforderung. Sie sind „ja geradezu geschaffen für Einheit und Gemeinschaft“, wie Maria Voce, Präsidentin der Fokolar-Bewegung in einer Video-Botschaft Anfang März feststellte. Unter ungewohnten und veränderten Rahmenbedingungen sind mehr Fantasie und Kreativität gefragt, um Distanz zu überwinden, andere zu unterstützen oder sich als Teil der einen Menschheitsfamilie zu erleben.
Manchmal reicht es, von sich und den eigenen Ängsten auf die anderer zu schauen. Franca S. lebt im Seriana-Tal, in der Provinz Bergamo: „Es gibt hier unfassbar viele Tote zu beklagen. Wir leben in einer surrealen Situation. Im Tal herrscht eine Stille, die Tag und Nacht nur von den Sirenen der Krankenwagen unterbrochen wird. Die Sorgen werden nach und nach zu unerträglicher Angst, Stille und Isolation. Deshalb überlegte ich mir, was ich tun konnte. Auf meiner Etage lebt eine 95-jährige Frau und ich hörte sie häufig weinen, weil ihre einzige Tochter sie nicht mehr besuchen kann. Da fiel mir ein, dass sie einen bestimmten Kuchen sehr mochte. Ich brachte ihr ein Stück an die Tür; sie dankte mir überschwänglich. Manchmal reicht ein Stück Kuchen, um jemanden aufzuheitern und selbst wieder Zuversicht zu verspüren.“
Tanino aus der Nähe von Mailand erfährt, dass auch die Extremsituation herausfordert, „die Talente, die Gott jedem gegeben hat“, ins Spiel zu bringen. Mit seiner Frau hat er einen Verein, um armen Familien mit Lebensmitteln zu helfen, die sonst weggeworfen würden. „Nun haben wir uns gefragt, ob wir das aussetzen sollen. Jede Woche kommen aber mehr als 200 Familien zu uns. Wir haben uns also entschieden weiterzumachen, mit den entsprechenden Vorsichtsmaßnahmen. Zusätzlich haben wir einen Lieferservice organisiert. Das bedeutet mehr Aufwand. Aber für viele Familien ist unsere Hilfe jetzt noch wichtiger als vorher. Und jede Mühe hat sich gelohnt, wenn jemand schreibt: ‚Vielen Dank, dass es dir gelungen ist, uns diese guten Gaben zu bringen. Die Kinder waren so glücklich! Mit meiner Arbeit kann ich nur die Miete zahlen, der Zweitjob deckt die anderen Ausgaben. Zurzeit bin ich natürlich zu Hause. So warst du wie ein Engel für uns.’“
Auch in Spanien konnte man sich die schrecklichen Auswirkungen vorher nicht vorstellen: Tausende Todesfälle und noch mehr Infizierte; das Gesundheitssystem brach zusammen, vor allem in Madrid. Angel Z. ist dort Arzt für Geriatrie in einer Seniorenresidenz, in der schon früh mehrere Bewohner und Mitarbeiter erkrankten. „Für die Angehörigen ist das sehr beunruhigend, für die Mitarbeiter eine Überforderung. Alle sind sehr angespannt. Ich versuche, Gelassenheit zu vermitteln, den gegenwärtigen Augenblick zu leben und Gott zu bitten, mir bei jeder schwierigen Entscheidung zu helfen. Es gibt viele Möglichkeiten, konkret zu lieben. Wenn etwa die Verwandten, die ihre Lieben nicht besuchen können, ihnen einen Gruß zukommen lassen möchten. Dann versuche ich, diesen mit Zeit und Gesten der Zuwendung zu überbringen; den Menschen dadurch Familie zu werden.“
Mit Spontaneität und Wachsamkeit sorgte auch Maria Jésus (ebenfalls aus Madrid) in einem ganz anderen Umfeld für ein wenig Entspannung: „An einem der ersten Tage bemerkte ich im Supermarkt, dass die Mitarbeiter völlig erschöpft waren. Die Situation war chaotisch, denn sie mussten gleichzeitig für Nachschub sorgen und kassieren, was sie total überforderte. Ich lud spontan und laut alle ein, ihnen zu applaudieren. Sie waren von dieser Geste bewegt; die Situation wurde für alle entspannter.“

Foto: (c) TheNocheBuenaProject

Auch auf den Philippinen ist die Lage ernst. Wegen der fehlenden oder schwachen sozialen Sicherungssysteme haben dort (wie in vielen anderen Ländern) arme Familien durch die verordneten Maßnahmen von heute auf morgen kein Einkommen mehr, keine Rücklagen und keine Absicherung. Die Regierung kann nicht einmal die Versorgung der Krankenhäuser sicherstellen. Das Personal bittet deshalb die Bevölkerung um Unterstützung. Die Jugendlichen der Bewegung, die sonst in der Weihnachtszeit Arme mit selbstgekochten Mahlzeiten beschenken, haben diese Bitte in Manila und anderen Städten aufgenommen. Sie sammeln online Geld und andere dringend benötigte Materialien. Weil sie wegen des Lockdowns selbst das Essen nicht ausliefern können, haben sie eine Firma gefunden, die es zubereitet und an Krankenhäuser und einige Familien liefert. Innerhalb von zwei Wochen konnten sie 250 Mahlzeiten, 4500 Eier, 2400 Flaschen Wasser und vier Säcke Mehl verteilen. Dazu dringend benötigte Schutzmasken, Desinfektionslösung und medizinischen Alkohol. „Unser Ziel sind eine Million Pesos: Damit können wir die Versorgung der ausgewählten Krankenhäuser für weitere zwei Wochen sichern“, schreiben sie zuversichtlich.
Sich vor Gott stellen und sich von seiner Liebe umfangen wissen: Das ist die Erfahrung von Marilen aus der südkoreanischen Stadt Daegu. Dort war am 18. Februar die erste Person positiv getestet worden; danach bereitete sich das Virus rasend schnell aus. Wie fast überall auf der Welt fehlten Schutzmasken. „Eines Abends hatte ich nur noch zwei. Eine Freundin bot mir zehn an. Um sie abzuholen, hätte ich die ganze Stadt durchqueren und öffentliche Verkehrsmittel nehmen müssen. Aber mit Rücksicht auf meine Gesundheit und die der anderen sagte ich ihr, sie solle die Masken denen in ihrer Umgebung geben, die sie am dringendsten brauchten. Zwei Tage später erhielt ich ein Paket von einer anderen Freundin: 50 Schutzmasken.“

In Indien gilt seit dem 19. März eine Ausgangssperre. „Viele Tagelöhner waren aus den Dörfern in die Stadt gezogen“, berichtet Jutta aus Mumbai. „Sie finden nun keine Arbeit, können aber auch nicht zurück in die Dörfer, weil keine Züge mehr fahren. Da die Ausgangssperre rigoros kontrolliert wird, haben wir keine Möglichkeit, etwas zu tun. Nur einer unserer Jugendlichen lebt in dem Stadtviertel und versucht zu helfen, auch zusammen mit Hilfsorganisationen, die wir kennen.“
Chiaretto Yan hingegen lebt in Shanghai und erlebt „eine beeindruckende Hilfsbereitschaft“. Eines Tages bot ihm ein Bekannter, der wusste, dass Chiaretto Freunde in Italien hat, 10 000 Masken für sie an. Gemeinsam mit einer Anwältin suchte Chiaretto nach einem günstigen und schnellen Versandweg. Als eine Freundin aus Peking weitere 6000 Masken anbot, fügte sie sofort hinzu: „Mach dir keine Sorgen über die Transportkosten, jemand wird sie übernehmen.“ Es war, „als würde ich persönlich Zeuge des Wunders der Brotvermehrung Jesu“, erklärt Chiaretto. Der Kreis der Helfer erweiterte sich stetig. Während sie die Pakete vorbereiteten, teilten sie Fotos davon in sozialen Medien. Am selben Abend schickte ein Nachbar 2000 Kuai, ein Student 100 Kuai und am nächsten Tag eine Dame 10 000 Kuai (etwa 1300 Euro). Am Abend meldete sich jemand, der 30 000 Masken und Schutzkleidung verschicken wollte. Jemand gab Hinweise für den Zoll. „Menschen, die sich gleichgültig waren, wollen jetzt etwas tun, ihre Hilfe anbieten, Informationen austauschen. Für alle ist das eine ermutigende Erfahrung. Wir beten, dass wir dieses Virus bald überwinden können. Es ist gefährlich und ansteckend. Aber wir erfahren dadurch auch viel Solidarität und eine Hilfsbereitschaft, die noch stärker und ansteckender scheinen.“

In Argentinien wurde am 3. März die erste infizierte Person gemeldet. Das Land ist hoch verschuldet und steckt in einer tiefen Wirtschaftskrise, die Inflation lag 2019 bei etwa 54 Prozent. Aus Cordoba erzählt Regina, die dort mit ihrer Familie ein kleines Unternehmen zum Vertrieb von medizinischen Artikeln hat: „In letzter Zeit hatten wir eine starke Nachfrage nach Produkten wie Gels auf Alkoholbasis und Schutzmasken. Beide Produkte könnten wir zu unverschämt hohen Preisen verkaufen. Aber wir sind überzeugt, dass wir diese Notsituationen nicht ausnutzen dürfen, um davon zu profitieren. So beschlossen wir, das wenige, was wir haben, vor allem für Menschen zu behalten, die die Artikel wirklich benötigen.“

Foto: privat

Einen Moment der Gemeinschaft erleben und sich dabei gegenseitig zum Geschenk werden – das war das Motto von Jugendlichen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz, die zu einem „Bunten online Abend“ einluden. Nach vorheriger Anmeldung losten sie die 48 Teilnehmenden in 6er-Gruppen zusammen. Vier Stunden hatten diese dann Zeit, um trotz aller Entfernung einen Beitrag zu einem „Bunten Abend“ vorzubereiten. Keine geringe Herausforderung. „Engagiert“, mit „viel Fantasie“ und „Spaß“ gingen sie daran. Das Ergebnis: ein gut zweistündiger „Bunter Abend“ mit überraschenden Beiträgen, einem gestärkten Gemeinschaftsgefühl, tiefen Momenten des Austausches und Gebets.
Es waren wohl solche und andere Nachrichten, die auch die Fokolar-Präsidentin ermutigt hatten und sie dazu brachten, festzustellen: „Auch unter extremen Bedingungen kann uns niemand Gott nehmen oder die Liebe verbieten“.
Gabi Ballweg

Syrische Flüchtlinge in einem türkischen Flüchtlingscamp. – Foto: (c) RadekProcyk (iStock.com)

Die Pandemie und Syrien
Wenn das Virus schon Länder, denen es einigermaßen gut geht, fast an den Rand bringt, wie viel mehr dann solche, die sich ohnehin schon in Extremsituationen befinden? So sind die Folgen für die Zivilbevölkerung in Syrien kaum absehbar: Ein Großteil lebt in Camps und provisorischen Unterkünften. Die von den USA und der EU verhängten Sanktionen erlauben derzeit auch keine Lieferungen von Medikamenten und medizinischen Hilfsgütern oder finanzielle Unterstützung zur medizinischen Versorgung. Die von der Fokolar-Bewegung mitbegründete Nichtregierungsorganisation „New Humanity“ hat deshalb eine Petition gestartet, damit dieses Embargo für Syrien ausgesetzt wird.

(Erschienen in der gedruckten Neuen Stadt, Mai/Juni 2020)
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