Wie nach der Krise leben?

Die Corona-Pandemie hat in wenigen Wochen so ziemlich alles infrage gestellt, was wir für sicher hielten. Vieles ist weiter offen. Trotzdem sollten wir jetzt schon überlegen, wie wir in Zukunft leben wollen.

„Alles, was ich weiß, werde ich Ihnen sagen. Aber ich sage auch, dass ich nicht alles weiß.“ Diese Aussage des französischen Gesundheitsministers Olivier Véran stammt aus der Anfangszeit der Corona-Krise. Doch sie hat heute mehr Gültigkeit als je zuvor. Wohl niemand würde von sich behaupten, die Bedeutung und die Auswirkungen der Pandemie auch nur annährend erfasst zu haben.
Innerhalb weniger Wochen hat sich das Leben in allen Teilen der Welt grundlegend verändert. Als am 1. März die vorherige Ausgabe der Neuen Stadt erschien, gab es 14 dokumentierte Fälle von COVID-19-Infizierten in Österreich, 27 in der Schweiz und 130 in Deutschland 1. Man begann zaghaft darüber zu diskutieren, ob Großveranstaltungen eingeschränkt werden müssten.
Heute, am 15. April, sind es 14 234 Fälle in Österreich, 25 936 in der Schweiz, 132 210 in Deutschland und 1 982 552 weltweit. 126 573 Menschen sind an (oder mit) COVID-19 gestorben (A: 384 CH: 1 174 D: 3 495). Zahlen, hinter denen sich unzählige Schicksale und unermessliches Leid verbergen.
Irritierend an dieser Krise ist unter anderem, dass – in Relation zur Gesamtbevölkerung – gar nicht so viele Menschen vom Virus selbst betroffen sind. Und doch müssen alle die Konsequenzen tragen. Um die Ausbreitung der Pandemie einzudämmen, haben die Regierungen eine ganze Reihe von Grundrechten eingeschränkt (Versammlungsfreiheit). Die Politik zeigte sich handlungsfähig wie lange nicht mehr. Wochenlang war das öffentliche Leben lahmgelegt. Die Menschen akzeptieren das, weil es darum geht, Leben zu retten. Umso wichtiger sind Transparenz und gute Kommunikation vonseiten der Regierenden und eine offene Diskussion darüber, wann und wie die Grundrechte wieder in Kraft gesetzt werden können. Sonst könnte das neu aufkommende Vertrauen in die Politik schnell wieder verloren gehen.

Viele zahlen einen hohen Preis
Seit kurzem scheint die Zahl der Neuinfizierten zu sinken – zumindest in Europa. Es zeigt sich aber auch, wer unter den Maßnahmen besonders leidet: alte Menschen, weil sie nicht besucht werden können; psychisch Kranke, Obdachlose, Flüchtlinge, Arme und Behinderte, weil sie häufig nicht mehr die Hilfe erfahren, die sie benötigen; Familien, weil sie oft auf engem Raum leben und dort arbeiten, für die Schule lernen und die Freizeit verbringen müssen; Unternehmer, weil sie in Existenznot geraten, und Arbeitnehmer, weil sie um ihre Stelle fürchten; Ärzte, Pflegekräfte, Beschäftigte im Lebensmittelhandel, Saisonarbeiter und andere, weil sie über ihre Kräfte hinaus gefordert sind. Auffällig ist, dass viele Berufe, die wir jetzt als „systemrelevant“ bezeichnen, die also unverzichtbar sind, vorwiegend von Frauen ausgeübt werden und schlecht bezahlt sind.

Illustration: (c) elfgenpick.de

Die Liste der Leidtragenden könnte man beliebig verlängern. Die sozialen, wirtschaftlichen und psychologischen Folgen der Krise lassen sich heute nur erahnen. Wenn wir ehrlich sind, müssen wir zugeben, dass uns diese Situation überfordert. Zu vieles, zum Teil Widersprüchliches, stürzt auf uns ein. Wir haben Ostern vielleicht erstmals ohne Liturgie und Familienbesuch verbracht. Auch sonst sind unserem Leben die geregelten Abläufe abhandengekommen. Der Alltagstrott, über den wir in normalen Zeiten häufig klagen, er fehlt uns nun.
„Selig sind, die nicht sehen und doch glauben“ (Johannes 20,29). So lautete das „Wort des Lebens“ im gerade zu Ende gegangenen Monat April. Wie passend! Es stimmt ja: Wir sehen (und verstehen) vieles nicht mehr – weder, was wir in diesen Wochen leben, noch, was uns mittelfristig erwartet. Aber wir können glauben, trotz und in all dem in Gottes Hand zu sein.
Wenn wir in Demut anerkennen, dass wir nicht sehen; wenn wir uns durch die Einsicht in unsere Verletzlichkeit in unserem Glauben herausfordern lassen, dann ist unser Herz vielleicht freier für einige grundlegende Fragen.
Etwa: Wie steht es um unsere Solidarität? Wohl noch nie war die Erkenntnis so groß, dass wir weltweit zusammengehören, dass wir alle in derselben, der einen Welt leben. Aber was verbindet uns? Ist es mehr, als wirtschaftlich eng verflochten zu sein?
Ohne Zweifel hat die Krise ungeahnte Hilfsbereitschaft, Kreativität und Solidarität geweckt. Doch wie weit geht sie? Besteht nicht die Gefahr, dass wir den Kreis derjenigen, mit denen wir solidarisch sind, in der Krise immer enger ziehen und uns auf die eigene Familie, bestenfalls auf das eigene Land beschränken? Um die europäische Solidarität war es jedenfalls nicht wirklich gut bestellt. Wie wird es erst sein, wenn die Pandemie mit aller Wucht die armen Teile der Welt erreicht!

Die Pandemie ist nicht die einzige Krise
Ein Zweites sollten wir nicht aus dem Blick verlieren: Das Corona-Virus ist nicht unsere einzige Krise! Papst Franziskus hat die unlösbare Verbindung der verschiedenen Krisen in ein Gebet gekleidet: „In unserer Welt, die du noch mehr liebst als wir, sind wir mit voller Geschwindigkeit weitergerast und hatten dabei das Gefühl, stark zu sein und alles zu vermögen. … Wir haben vor deinen Mahnrufen nicht angehalten, wir haben uns von Kriegen und weltweiter Ungerechtigkeit nicht aufrütteln lassen, wir haben nicht auf den Schrei der Armen und unseres schwer kranken Planeten gehört. Wir haben unerschrocken weitergemacht in der Meinung, dass wir in einer kranken Welt immer gesund bleiben würden.“ 2
Klimawandel, Geldspekulation, Waffenhandel – diese und andere Probleme kosten schon jetzt mehr Menschenleben als die Pandemie. Der Unterschied ist: Die Folgen von COVID-19 sind sofort sichtbar und betreffen alle. Das macht es leichter, Einschränkungen in Kauf zu nehmen, auch in der Hoffnung, dass bald wieder alles vorbei ist. Die Folgen der anderen Krisen hingegen sind ungleich verteilt. Sie sind nicht unmittelbar für alle spürbar. Warum also das persönliche Verhalten und das politische Handeln ändern?
Wir wissen vieles nicht. Trotz aller Unsicherheit sollten wir aber schon jetzt beginnen, darüber nachzudenken, wie wir nach der Krise leben wollen. Die „soziale Distanz“ sollte uns nicht daran hindern, viel miteinander zu reden. Damit in dieser Zeit niemand alleine ist. Und damit wir die Zukunftsfragen nicht aus dem Blick verlieren. Maria Voce, die Präsidentin der Fokolar-Bewegung, formuliert es so: „Wir wissen nicht, wie lange diese Krisensituation noch dauern wird: vielleicht Wochen oder Monate. Sie wird vergehen. Die Welt aber, die nachher sein wird, bauen wir jetzt auf.“ 3
Peter Forst

1 Quelle: Johns-Hopkins-Universität
2 Papst Franziskus am 27. März 2020; zitiert nach: www.vaticannews.va/de
3 L‘Osservatore Romano, Jahr CLX Nr. 76, 3.4.2020

(Erschienen in der gedruckten Neuen Stadt, Mai/Juni 2020)
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