Starker Tobak

Offener Brief an Gerd Müller

Sehr geehrter Herr Müller!
Die Corona-Pandemie und die damit verbundenen Vorsichtsmaßnahmen schränken uns ein: Die Nöte sind real, die Sorgen berechtigt. Aber wir sind nicht die einzigen, die Sorgen haben. Unermüdlich weisen Sie auf die auch ohne Corona-Krise schon verzweifelte Lage von Menschen in Afrika, Asien, Lateinamerika und Ozeanien hin. Es gehört zum Job eines Entwicklungshilfe-Ministers, über den Tellerrand zu schauen und den bedürftigen Teil der Menschheit im Blick zu haben. Sie haben jedoch für diese Aufgabe eine besondere Leidenschaft entwickelt! Ihnen ist die Verbesserung der Lebens- und Arbeitsbedingungen Notleidender zum Herzensanliegen geworden!
Ob in Ihren Reden vor dem Bundestag, in Vorträgen oder Ihrem Buch „Umdenken. Überlebensfragen der Menschheit“ – Sie legen den Finger in die Wunde, zeigen Zusammenhänge auf, vor denen wir oft lieber die Augen verschließen: Zum Beispiel, dass Näherinnen in Bangladesch oder Äthiopien an sechs Tagen der Woche jeweils 14 Stunden an den Maschinen sitzen bei einem Stundenlohn von rund 25 Cent. Das Doppelte wäre nötig, um davon leben zu können. Die entsprechende Preiserhöhung der Jeans oder T-Shirts würden wir kaum bemerken. Oder dass 150 Millionen Kinder jeden Tag, statt zur Schule zu gehen, in Kaffee- und Kakao-Plantagen, Steinbrüchen und Minen schuften. Für unsere Getränke, Schokolade, Kosmetikartikel, Akkus, Smartphones und Computer.
Ihre unbequeme Botschaft: Der Wohlstand in Europa ist zum Teil auf der Ausbeutung von Mensch und Natur in den Entwicklungsländern aufgebaut. Sie sprechen von „50 Sklaven pro Kopf“, die dafür arbeiten, dass wir unseren Lebensstil halten können. Sie fordern, unsere Verantwortung als Verbraucherinnen und Verbraucher wahrzunehmen. Wer Bananen unter 1 Euro pro Kilo kauft, nehme Kinderarbeit in Kauf, sagen Sie.
Sie wollen aber auch die Unternehmen bei uns in die Pflicht nehmen: Um die Produktionsbedingungen in den ärmeren Ländern zu verbessern und Kinderarbeit und Umweltschäden zu verringern, werben Sie seit langem für ein Lieferkettengesetz. Das soll Firmen verpflichten, in den Zulieferbetrieben überall auf der Welt existenzsichernde Löhne zu zahlen und ökologische und soziale Mindeststandards einzuhalten, die in der EU schon lange selbstverständlich sind. Zugleich fordern Sie von den Regierungen der Länder des Südens ein, ihren Teil beizusteuern. Wer keine Verbesserung der Korruptionsbekämpfung und der Regierungsführung anstrebt, soll keine Entwicklungshilfe mehr bekommen, so Ihr Plan.
Sie achten auf Fairness für alle, auf die Weltbevölkerung als Ganzes. Zugleich wollen Sie Entwicklungshilfe und wirtschaftliche Zusammenarbeit reformieren, um Gelder zielführend einzusetzen und eine größtmögliche Wirkung zu erreichen: Ansätze, die es wert sind, beachtet und unterstützt zu werden! Auf die eigene Mitverantwortung für die Misere anderer gestoßen zu werden, ist für manchen starker Tobak. Für all jene aber, die in ihrer Haltung konsequent zeigen wollen, dass alle Menschen gleich viel wert sind und das gleiche Recht auf Befriedigung ihrer Grundbedürfnisse verdienen, ist es ein wertvoller Anstoß.
Mit freundlichen Grüßen,

Clemens Behr,
Redaktion NEUE STADT

Foto: (c) Michael Gottschalk/Photothek.net

Gerd Müller
geboren 1955 in Krumbach/ Schwaben, ist seit Ende 2013 Bundesminister für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung. Er hat Pädagogik, Psychologie sowie Politik- und Wirtschaftswissenschaften studiert und wohnt in Durach bei Kempten. Seit 1994 vertritt der CSU-Politiker den Wahlkreis Oberallgäu im Deutschen Bundestag. Müller ist verheiratet und hat zwei Söhne.

(Erschienen in der gedruckten Neuen Stadt, Juli/August 2020)
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