Fordern statt verwöhnen

Wie setzt man sinnvoll Grenzen? Welche Folgen hat es, wenn Eltern in der Erziehung nicht konsequent sind? Sozialpädagoge Achim Schad, Wuppertal, antwortet mit vielen Beispielen aus seiner Erfahrung als Vater, Großvater, Paar- und Familientherapeut.

Kinder brauchen Freiheit für ihre Persönlichkeitsentwicklung. Kann zu viel Freiheit sie überfordern, Herr Schad?
Dass Kinder Grenzen testen, ist völlig normal. Sie müssen Grenzen überschreiten, um sich weiterzuentwickeln. Wir haben heute häufig anspruchsvolle, reflektierte, bildungsorientierte Eltern, die alles richtig machen wollen. Sie neigen dazu, viel mit den Kindern zu verhandeln, und tun sich schwer, klar Grenzen zu ziehen: „Meinst du nicht auch, es wäre Zeit, dein Zimmer aufzuräumen?“ – „Findest du nicht, du hast lange genug vor dem PC gesessen?“ Kein Kind wird sagen: „Ja, wenn du mich so fragst: stimmt!“ Eltern dürfen, nachdem sie ihre Haltung begründet haben, durchaus sagen: „Das ist jetzt so, das wird so gemacht!“ Kinder sind damit überfordert, alles einzusehen, Konsequenzen abzuschätzen und Rahmenbedingungen zu bewerten. Und Erwachsene überfordern sich damit, immer die Köpfe der Kinder erreichen zu wollen, um als tolle, akzeptierte Eltern dazustehen.

Kleinere Kinder müssen erst lernen, dass andere Kinder und die Eltern genauso berechtigte Wünsche und Bedürfnisse haben wie sie selbst.
Das lernen sie in der Familie, aber nicht mehr so klar wie früher. Heute konzentriert sich die Aufmerksamkeit oft auf wenige Kinder. Ein achtjähriges Kind, das mit drei jüngeren Geschwistern aufwächst, hat mehr Selbstständigkeit, Rücksichtnahme, Übernahme von Verantwortung gelernt als ein gleichaltriges Einzelkind. Es weiß: „Ich bin nicht Mittelpunkt der Familie.“ Einzelkinder haben eher das Gefühl: „Alles passiert hier meinetwegen.“

Was hat es für Folgen, wenn Eltern sich nicht trauen, Grenzen zu ziehen und konsequent zu sein?
Wenn Eltern ihrem Kind jedes Problem abnehmen, führt das zu einer Anspruchs- und einer Anstrengungsverwöhnung. Es erwartet dann, jeden Tag mit dem Auto zur Schule gefahren zu werden. Und gibt schneller auf, entwickelt keine Frustrationstoleranz. Bei einem Säugling ist klar, dass sich die Umgebung seinen Bedürfnissen anpassen muss. Später aber erlebt das Kind: „Die Umgebung will nicht immer so wie ich.“ Wenn Eltern ihm jedes Hindernis ersparen, verliert es seine angeborene Anstrengungsbereitschaft, es selbst zu überwinden. Was probieren Kinder nicht alles, um vom Krabbeln in den aufrechten Gang zu kommen! Kinder, denen Eltern keine Herausforderung lassen, werden leicht jammern, klagen und wehleidig sein. Das ist ihr Trick, um Ansprüchen zu entgehen und andere Menschen zu bewegen, Dinge für sie zu erledigen. Später denken sie, dass alles nach ihrer Pfeife tanzt.

Wie kann man im Kindergartenalter sinnvoll Grenzen setzen?
Man kann in zwei Fallen tappen. Die eine: Nachgeben, unklar bleiben und um des lieben Friedens Willen Ja sagen, obwohl man Nein meint. Dann lernt das Kind: „Mit Trotz, Rebellion und Bockigkeit kriege ich meinen Willen durch.“ Die zweite Falle: dem Kind übel nehmen, dass es auf ein Nein mit Frustration und Ärger reagiert. Ein Beispiel: Ich bin Großvater von Zwillingen, einem Jungen und einem Mädchen, die dieses Jahr eingeschult wurden. Wir haben Luftballons aufgeblasen und fliegen lassen. Nach 20 Minuten sage ich: „Jetzt brauche ich eine Pause zum Luftholen und mache mir einen Tee.“ Das Mädchen akzeptiert das sofort, der Junge möchte weitermachen und sagt: „Opa, wir brauchen keine Pause, wir haben im Keller eine Luftpumpe!“ Ich sag: „Super Idee, die holen wir gleich, aber trotzdem machen wir erst eine Pause.“ Er, stocksauer, stürzt sich aggressiv auf die Schwester. Wenn Kinder handeln, müssen Erwachsene auch handeln, sonst haben sie keinen Einfluss auf die Situation. Also hab ich ihn gepackt und von seiner Schwester gezogen. Er setzt sich trotzig in die Ecke. Jetzt lauert die zweite Gefahr – selbst aggressiv reagieren: „Wenn du dich so verhältst, ist das Spiel für heute beendet!“ Aber der Junge muss seine Frustration verarbeiten. Wie ihm dabei helfen? Nachgeben ist keine Lösung. Er soll merken, ich bleibe konsequent, aber nehme nicht übel. So rufe ich: „Ich schneide mir einen Apfel auf. Magst du auch einen?“ Er verliert seine Wut, kommt angelaufen, wir teilen uns den Apfel. Die Pause war kein Thema mehr. Er hat gemerkt: „Opa ist mir wohlgesonnen.“ Der Nachmittag war gerettet, weil die Beziehung wieder okay war. Er hat gelernt: Was Opa sagt, das meint er auch und setzt sich dafür ein. Und: Er nimmt mir einen Ausreißer nicht übel. Das sind die Bedingungen, unter denen Kinder Frustrationstoleranz am besten lernen.

Also bedeutet konsequent sein auch, Konsequenzen aufzuzeigen, anstatt zu strafen und zu drohen?
Damit Kinder lernen, Entscheidungen zu treffen, müssen sie die Folgen kennen. Ein Beispiel mit kleineren Kindern: Sie wollen sich morgens nicht anziehen, spielen im Schafanzug. Ich muss aber pünktlich aus dem Haus. Wenn ich mit Strafen drohe, ist mir nicht geholfen: „Du ziehst dich jetzt an oder deine Lieblingssendung heute Nachmittag ist gestrichen!“ Wählt das Kind das Zweite, kommt es nicht zur Kita und ich nicht zur Arbeit. Ich habe ihm eine Pseudo-Wahl gelassen. Konsequenz heißt, ihm eine echte Wahl bieten, wo ich beide Möglichkeiten selbst akzeptieren kann: „Entweder du ziehst dich hier an oder wir packen deine Sachen ein und du ziehst dich in der Kita an.“ In den meisten Fällen wird es sich anziehen, sobald es merkt: „Oh, Papa geht wirklich so mit mir los.“ Geht es doch im Schlafanzug, merkt es, dass es kalt ist und sich die Kita-Kinder wundern, weil es im Pyjama kommt. Das nächste Mal wird es sich anders entscheiden. Wichtig ist, die Alternative freundlich vorzutragen. Eltern verfallen leicht ins Drohen: „Dann nehm ich dich so mit und du wirst frieren, bist aber selbst Schuld!“ Dann haben die Kinder den Eindruck: „Wenn ich wähle, was ich will, wird mir das übel genommen.“
Eltern müssen klar haben, wo ihre Verantwortung aufhört und die des Kindes anfängt. Mein Job ist: die Wäsche rauslegen; dem Kind sagen, wann es losgeht; es fahren. Das Kind hat die Verantwortung, sich bis dahin anzuziehen. Eltern sollten ihr Kind angemessen fordern, anstatt es zu verwöhnen. Sie bestimmen, wie viel es bestimmen darf.

Ältere Kinder nutzen Fernsehen, Computer, Smartphones. Wie kann Grenzen setzen im Umgang damit aussehen?
Eltern sollten nicht erwarten, dass die Kinder einsichtig sind. Ein 13- oder 15-Jähriger wird nicht freiwillig das Handy oder den Computer ausschalten, weil die vereinbarten zwei Stunden um sind. Das schaffen auch viele Erwachsene nicht. Wenn sie Zeitfenster einrichten, bringt es nichts, lange zu diskutieren, sondern klar zu sagen: „Das ist Maximum, sonst kassiere ich das Gerät ein.“ Nicht selten reagieren Kinder dann aggressiv, weil sie schon in einer Suchtdynamik stecken. Klare Ansagen sollten daher früh anfangen. Nachträglich Grenzen zu ziehen, ist schwerer. Konsequenz hieße, wenn das Kind aggressiv, respektlos oder wütend reagiert, das Handy für einige Zeit zu entziehen. So lernt es: „Je mehr Stress ich mache, desto weniger lange habe ich das Handy.“ Allerdings müssen die Eltern auch selbst mit gutem Beispiel vorangehen.

Wie kann man vernünftig auf Gefühle und Gefühlsausbrüche eingehen?
Eltern sollten die Atmosphäre in der Familie bestimmen können. Wenn das Kind sauer und aggressiv ist, sollten sie nicht genauso reagieren. Dann würde das Kind die Atmosphäre bestimmen. Eltern sollten die Entscheidungs-Kompetenz UND die emotionale Führung behalten. Reagieren sie auf ein wütendes Kind freundlich („Komm mal in meinen Arm“), fühlt es sich angenommen. Wenn es tritt oder beißt, können sie es festhalten und sagen: „Das mag ich nicht, das tut mir weh.“
Bei Grundschulkindern empfehle ich Eltern, erst auf Distanz zu gehen: „Sprich bitte so nicht mit mir, geh mal in dein Zimmer. Wenn du dich beruhigt hast und wieder vernünftig mit mir sprechen kannst, kannst du wiederkommen.“ Dann beruhigen sich die Kinder, kommen freundlich heraus und alles ist gut. Dann nicht wieder darauf zurückkommen: „Musste das sein? Warum warst du denn so aggressiv?“ Das Kind hat in der Situation schon gelernt: Die Eltern lassen sich nicht aggressiv behandeln und ich kann mich erstmal beruhigen. Noch einmal im Geschehenen herumzuwühlen ist kontraproduktiv. Distanz schaffen hilft den Eltern auch selbst, wenn sie gereizt sind.
Kinder äußern Gefühle manchmal, weil sie merken, dass sie ihre Eltern damit umstimmen können. Das unterschätzen Eltern oft. Sie sollten natürlich Gefühle ernstnehmen, aber auch durchschauen lernen, wann das Kind Gefühle einsetzt, um seine Ziele zu erreichen.

Woran kann es liegen, wenn Kinder häufig über die Stränge schlagen?
Kinder, die als rebellisch, egoistisch, grenzverletzend gelten, haben oft kein gutes Selbstwertgefühl, obwohl ihnen viel erlaubt wird. Weil die Eltern unsicher sind, setzen sie zu spät oder unklar Grenzen und sind selbst überfordert, sauer und aggressiv. Durch ihre überzogenen Reaktionen fühlen sich die Kinder angegriffen und ständig kritisiert. Das beeinträchtigt ihr Selbstwertgefühl.

Herzlichen Dank für das Gespräch!
Clemens Behr

Foto: privat

Achim Schad,
geboren 1953 in Düsseldorf, war nach dem Studium von 1978 bis 2006 als hauptberuflicher Mitarbeiter und Fachbereichsleiter in der städtischen Familienbildungsstätte in Wuppertal tätig. Anschließend war er bis 2019 Fachbereichs- und Projektleiter in der Bergischen Volkshochschule Solingen/Wuppertal. Seit 1980 hält er Seminare und Vorträge zu familienpädagogischen Themen, gibt Kurse und Workshops. 1990 hat er eine Praxis für Paar- und Familientherapie in Wuppertal eröffnet, in deren Team seit einigen Jahren auch seine Frau Susanne als Kinder-, Jugend-,
Paar- und Elterncoach arbeitet.

www.achim-schad.de

(Erschienen in der gedruckten Neuen Stadt, November/Dezember 2020)
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