Nein aus Liebe

Standpunkt

Als unsere Kinder klein waren, haben wir lernen müssen, ihnen auch mal Nein zu sagen und klarere Ansagen zu machen. Heute würden wir da deutlichere Grenzen setzen. So haben wir beispielsweise die Zu-Bett-geh-Zeit ziemlich locker gestaltet, sodass uns die Kinder häufig den ganzen Abend beschäftigt haben. Am Ende waren alle überreizt und müde. Da wäre es gut gewesen, klar und bestimmt zu sagen: „Es ist Zeit, ins Bett zu gehen; ich sehe, du bist müde. Ich bringe dich jetzt ins Bett.“ Wir mussten lernen, dass wir die Kinder mit zu viel Freiheit überfordern können. Solange sie noch klein sind, geht es darum, ihnen in Situationen, die sie nicht überschauen können, zu vermitteln: „Ich weiß, was gut für dich ist.“ Klare Aussagen sind den Kindern dabei eine große Hilfe und vermitteln Sicherheit!
Natürlich gibt es immer wieder Situationen, in denen das Kind auch frei wählen kann, weil die Entscheidung keine gefährlichen Konsequenzen hat – ob es rote oder blaue Schuhe oder gar Gummistiefel anzieht, hat eine andere Tragweite als die Frage, ob es sich im Auto anschnallt oder nicht. Da gibt es keine Diskussion. Aber viele Situationen sind nicht so eindeutig wie dieses Beispiel des Anschnallens. Da haben wir versucht, viel miteinander zu reden und gemeinsam zu verstehen, was das Kind braucht.
Dieses Nein aus Liebe mussten wir als Eltern lernen. Und haben dabei auch gelernt: Manchmal ist es sehr viel anstrengender, eine Grenze zu verstehen und zu setzen, als einfach alles laufen zu lassen. Das braucht Zeit, Zuwendung und eigene innere Klarheit, um dort Verantwortung zu übernehmen, wo Führung notwendig ist. Weil das Kind manche Situation einfach noch nicht überschauen kann.
Für uns war das ein Weg, auf dem wir viel miteinander gesprochen haben, Situationen miteinander durchgegangen sind. Und wir haben uns auf diesem Weg auch Hilfe geholt – bei Seminaren, im Gespräch mit anderen Eltern oder durch Bücher, die wir gemeinsam gelesen haben und über die wir dann ins Gespräch kamen, um so unseren Weg zu finden. Dabei haben wir auch als Paar viel übereinander gelernt: Wie sind wir geprägt? Was empfinden wir als Enge? Wie kommunizieren wir? Wie gehen wir mit eigenen Grenzen um und wo dürfen und können wir sie uns und auch den Kindern eingestehen?
Letztlich ging es dabei darum, in der Liebe miteinander ein „Grenzsystem“ zu entwickeln, das für uns und unsere Kinder passt. Das war und ist nicht starr, sondern entwickelt sich immer weiter. Abhängig vom Alter, aber auch von der Persönlichkeit des Kindes.
Jetzt sind die Kinder groß. Da geht es viel mehr darum, ihnen auf Augenhöhe zu begegnen. Wir wollen ihnen nicht mehr vorschreiben, was dran ist. Aber wir dürfen ihnen unsere Sichtweise auch nicht vorenthalten. Auch jetzt braucht es eine klare Kommunikation. Und dann liegt es an ihnen, zu entscheiden. Wir wollen es dann mittragen, wenn sie etwas entscheiden, was uns nicht passt.

Foto: privat

Cor und Thomas Haselberger
sind fast 20 Jahre verheiratet. Sie leben mit ihrem Sohn Tim, 18, und der Tochter Isabel, 15, in Augsburg. In der gegenseitigen Liebe unter ihnen und mit den Kindern ein „Grenzsystem“ zu entwickeln, das passt, empfinden sie als eine unendliche Geschichte, in der Kommunikation eine wesentliche Rolle spielt.

(Erschienen in der gedruckten Neuen Stadt, November/Dezember 2020)
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