„Habe ich dich richtig verstanden?“
Viele von uns kommunizieren mit Textnachrichten.
Wegen ihrer Kürze sind sie oft uneindeutig. Dann beginnt häufig ein wildes Interpretieren. Warum deuten wir so viel in Nachrichten hinein? Was bewirkt das? Was wäre ein besserer Weg?
Luisa Gaube
Studentin, München
Gestik, Mimik und Körpersprache können einen beträchtlichen Teil von Kommunikation ausmachen. Doch was geschieht, wenn all das wegfällt? Wir versuchen, die fehlenden Informationen selbst in unserem Kopf auf Basis vorheriger Erfahrungen zu ergänzen. Dabei entstehen leider manchmal Fehlinterpretationen. Wenn eine Nachricht nicht mit genügend freundlichen Emojis angereichert ist, kann schnell der Eindruck entstehen, der Gesprächspartner sei unfreundlich oder sogar sauer, obwohl der Text überhaupt nicht so gemeint war. Auch Ironie oder Witz kann ohne unterstützende Gesten schnell verlorengehen. So wurde einmal meine humorvolle Nachricht an einen Bekannten als beleidigter Text missverstanden.
Solche Fehldeutungen verkomplizieren Kommunikation, im schlimmsten Fall sogar die Qualität von Beziehungen. Gerade bei unbekannten Gesprächspartnern, zu denen noch kein Vertrauen gewachsen ist, sollten deshalb Nachrichten besonders vorsichtig und klar formuliert und mit passenden, eindeutigen Emojis unterstützt werden. Generell sehe ich Textnachrichten nicht als Kommunikationsmittel, über das heikle Themen angesprochen werden sollten, sondern sie sind eher als Instrument für den Informationsaustausch. Für wichtige Themen würde ich immer anrufen oder zumindest eine Sprachnachricht senden, bei der wenigstens die Stimmlage – wenn auch nicht Mimik und Gestik – gedeutet werden kann.
Clemens Metzmacher
Psychotherapeut und Supervisor, Dresden und Graubünden
Menschliche Kommunikation läuft anders ab als „technische Informationsvermittlung“: So bestimmt eher die Empfängerin einer Nachricht, welchen Sinn sie gibt, nicht der Sender. Und Menschen suchen immer nach einem Sinn, wenn ihnen etwas wichtig erscheint. Insofern ist „wildes Interpretieren“ nur logisch. Diese Sinngebung ist stark davon abhängig, wie wir gerade drauf sind und was wir gerade erleben. Das ist bei Sender und Empfänger meist sehr unterschiedlich, weil sie in verschiedenen Kontexten sind.
Paul Watzlawick (1921-2007), österreichisch-amerikanischer Philosoph und Psychotherapeut, unterschied zwischen „digitalen“ und „analogen“ Modalitäten in der Kommunikation: Erstere bezeichnen die Aussagen (Worte und Schrift), die den Inhalt einer Botschaft vermitteln. Letztere beziehen sich auf nonverbale Signale wie Mimik, Gestik, Tonfall und Körpersprache. Sie drücken die Beziehungsebene oder den emotionalen Aspekt einer Botschaft aus. Das Analoge markiert dabei, wie das Digitale zu verstehen ist, ist also zentral: Ein Wort wie „Super“ kann ganz unterschiedlich wirken, je nachdem, wie es gesagt wird. Das Analoge fällt aber bei Textnachrichten oft weg.
Insofern sind insbesondere bei beziehungsrelevanten Dingen Kurznachrichten nicht immer hilfreich. Auf jeden Fall lohnt es sich, Feedbackschleifen einzuführen: „Ich habe das und das verstanden – hast du es so gemeint?“
Alice Freléchoz
Studentin, Delémont
Textnachrichten sind kurz und praktisch, aber oft missverständlich. Ein paar Worte, ein Emoji, und schon beginnt das Rätselraten: Was hat die andere Person gemeint?
Warum deuten wir so viel hinein? Als Menschen suchen wir überall nach Sinn. Wir wollen verstehen, was um uns geschieht – in den Textnachrichten ebenso wie im Alltag. Dieses Bedürfnis, Bedeutungen zu erkennen und Zusammenhänge herzustellen, gehört zu unserem Wesen. Es hilft uns, die Welt zu ordnen und uns in ihr zurechtzufinden.
Doch nicht jede Form der Kommunikation gibt uns dieselben Hinweise. In der mündlichen Verständigung unterstützen uns Tonfall, Mimik und Körperhaltung dabei, die Absicht des Gegenübers zu erfassen. In der schriftlichen Kommunikation fehlen diese Signale, sodass nur die Worte bleiben. Besonders im digitalen Austausch kann das zu Missverständnissen führen, weil wir versuchen, in das Geschriebene all das hineinzulesen, was wir sonst hören oder sehen würden.
Was also tun? Fragen, bevor man urteilt. Ein kurzer Anruf oder eine Nachfrage können vieles klären. Auch eine Rückversicherung wie „Habe ich dich richtig verstanden?“ schafft Klarheit und Nähe. Denn wahres Verstehen geschieht nicht zwischen Buchstaben, sondern zwischen Menschen.
Suchen Sie auch nach Antworten – rund um Beziehungen?
Dann schreiben Sie uns eine E-Mail oder reichen Sie Ihre Frage ein bei www.facebook.com/NeueStadt
Hat Ihnen der Artikel gefallen? Möchten Sie mehr von uns lesen? Dann können Sie hier das Magazin NEUE STADT abonnieren oder ein kostenloses Probe-Heft anfordern.
Der Artikel oben ist erschienen in der NEUEN STADT, Januar/Februar 2026 .
(c) Alle Rechte bei Verlag Neue Stadt, München
Ihre Meinung interessiert uns: Schreiben Sie uns! Anschrift und E-Mail finden Sie unter Kontakt.