4. Februar 2026

Im Kontakt mit sich selbst

Von nst5

Sebastian Baumann

Foto: privat

Sebastian Baumann
ist Systemischer Psychotherapeut mit eigener Praxis in Mannheim. Er ist Mitherausgeber der Buchreihe „Störungen systemisch behandeln“ und von „Nicht wahr, aber nutzbar – der Systemische Psychotherapie-Podcast“.


Wie oft haben wir es schon erlebt: Jemand anerkennt und wertschätzt unsere Leistung – das tut richtig gut und bestärkt uns. Genau genommen können wir aber nicht immer erkennen, mit welcher Absicht das Lob ausgesprochen wird. Es kann ein ehrlicher und authentischer Ausdruck von „Das nötigt mir Respekt ab!” sein. Oder von einem: „Ich spüre eine tiefe Resonanz in dem, was du sagst.“ Andererseits kann Lob auch benutzt werden, um den Empfänger zu beeinflussen. Wir sehen dieses Prinzip etwa in der Politik, wenn Präsidenten mit Lob überschüttet werden, um sie für die eigenen Interessen zu öffnen oder an sich zu binden. Kinder haben ein feines Gespür für die Reinheit und Aufrichtigkeit eines Lobes. Sie reagieren eher zurückhaltend, wenn sie merken, dass das Lob ein den Erwachsenen genehmes Verhalten bestärken soll.
Grundsätzlich möchte sich niemand an das Lob eines anderen binden, sondern selbst entscheiden, ob das eigene Verhalten zufriedenstellend ist oder nicht. Gleichzeitig sind wir fundamental davon abhängig, (auch) auf positive Resonanz unserer Person zu treffen. Wir benötigen ein Gegenüber, das uns ohne Hintergedanken ehrlich sagt, wie es uns wahrnimmt. Nun sollte man das Leben nicht unnötig verkomplizieren und gleich mit einer Tiefenanalyse auf ein Lob reagieren, um herauszufinden, welche Motive beim Lobenden ausschlaggebend gewesen sein könnten. Es lohnt sich jedoch, nachzufragen, wenn sich beim Lobempfänger ein ungutes Gefühl einschleichen sollte. So bietet man dem Lobenden Gelegenheit, genauer auszuführen, was gemeint ist.
Es gibt noch einen weiteren Aspekt: Man kann sich von Lob und Anerkennung anderer abhängig machen. Dann ist man – oft unbewusst – davon angetrieben, es anderen recht zu machen und Situationen einseitig daraufhin zu scannen, was andere von uns wollen könnten. Die Kehrseite dieser Ausrichtung könnte sein, dass eigene Wünsche, Impulse und Initiativen keinen Raum bekommen und der Kontakt zur eigenen Lebendigkeit verloren geht. So ist man dann vielleicht „Everybody‘s Darling“, vermeidet aber notwendige Konflikte, die Beziehungen tiefer und authentischer machen. Sich auf Dauer einzig von den Rückmeldungen anderer abhängig zu machen, kann zur Entfremdung von sich selbst führen. Ein Hinweis auf diese Form der Beziehungsgestaltung ist, wenn wir insgeheim sauer auf andere sind. Wir erhoffen uns möglicherweise, dass der andere sich ebenso um unsere Anerkennung bemüht wie wir. Bleibt diese aus, spüren wir Verärgerung.
Wie können wir mit dem Wunsch nach Wertschätzung umgehen? Gönnen wir uns zunächst einen Moment, um mit uns selbst in Kontakt zu treten. Wir können uns fragen: Was möchte ich? Was davon kann ich mir selbst geben? Darf ich mir erlauben, mich selbst zu nähren oder aus einer transzendenten Erfahrung, als Christen etwa aus der Nähe zu Gott? Danach kann ich spüren, wie ich mich mit anderen verbinden möchte und ob es dazu nötig ist, von etwas Eigenem abzusehen. Vielleicht gibt es in mir eine persönliche Neigung, außerhalb von mir zu leben. Warum nicht einmal die Reihenfolge ändern und zuerst bei mir selbst einchecken, um dann damit in Verbindung mit anderen zu gehen?


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Der Artikel oben ist erschienen in der NEUEN STADT, Januar/Februar 2026.
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