Ohne Echtheit keine Wertschätzung
Loben birgt Gefahren, Wertschätzen nicht,
sagt die Berner Kommunikationsexpertin Karin Schrag. In unserem Gespräch erklärt sie, wie wir Mitmenschen Wertschätzung zeigen können und wie das auf die Beziehung wirkt.
Foto oben: (c) Michael Dietle
Ist Loben und Wertschätzen dasselbe, Frau Schrag?
Es gibt Unterschiede, aber die Grenzen sind fließend. Ein Lob drückt ein ungleiches Verhältnis aus. Wer lobt, ist oben und lobt den, der weiter unten ist: die Chefin den Mitarbeiter, die Mutter oder der Vater das Kind, der Lehrer den Schüler. Es wirkt leicht gönnerhaft: „Das hast du gut gemacht!“ Ich nehme mir heraus, die andere Person zu beurteilen, zu bewerten. Das wirkt herablassend und macht Loben fragwürdig. Viele werden sagen: „Aber wenn mein Kind mir sein selbstgemaltes Bild zeigt, kann ich doch nicht schweigen! Das wäre auch nicht wertschätzend!“ Hier ist die Frage, wie ich reagiere. Zur Wertschätzung gehört Authentizität. Eine Aussage ist nur dann wertschätzend, wenn ich sie wirklich ernst meine.
Wie vermeide ich das gönnerhaft Herablassende?
Indem ich von mir spreche und das, was mir gefällt, konkret benenne. Indem ich ausdrücke, was das Produkt, die Dienstleistung oder Handlung in mir auslöst. Da sind wir bei den Ich-Botschaften. „Ich bin begeistert, dass du so mit Farben umgehen kannst!“ Oder: „Ich staune, dass du deine Aufgaben in so kurzer Zeit gelöst hast!“ Ich teile mein Gefühl in Bezug auf den anderen Menschen und das, was er getan hat. Das meint Wertschätzung. Wenn ich sage: „Ich bin beeindruckt, dass du das hinbekommen hast!“ vermeide ich die Bewertung, die in einem Lob steckt wie: „Das hast du gut gemacht!“ oder „Du bist super!“
Wenn der Vorgesetzte den Untergebenen oder die Mutter das Kind lobt, sind damit oft unbewusst Erwartungen verknüpft.
Sie sprechen den wunden Punkt an. Lob und Tadel sind zwei Seiten einer Medaille. Wenn ich lobe, will ich beim anderen etwas fördern. Tadele ich ihn, dann will ich, dass er ein Verhalten ändert oder einstellt. Das ist wie bei Bestrafung und Belohnung. Beides ist manipulativ. Natürlich wollen Eltern ihr Kind nicht bewusst manipulieren. Dennoch steckt das unterschwellig drin: Ich will, dass das Kind weitermalt, kreativ ist, seine Talente entwickelt. Das ist auch eine Art von Manipulation, und darin steckt die Gefahr beim Loben.
Sehen Sie noch andere Gefahren?
Wenn ich oft lobe, kann eine Abhängigkeit entstehen. Lobe ich dann einmal nicht, ist für den anderen die Welt nicht mehr in Ordnung. Dann hat er keine Motivation mehr, das bisher Gelobte weiterhin zu tun. Ein Lob sagt nicht nur: „Hey, ich mag, was du gemacht hast.“ Sondern auch: „Ich mag dich, WEIL du das gemacht hast.“ Die Beziehung kann dann abhängig werden vom Lob oder vom gelobten Verhalten. Und wer lobt, erhofft sich insgeheim, dass der andere ihn deswegen auch mag.
Wie kann ich wertschätzen, ohne zu manipulieren?
Wertschätzung ist eine Haltung. Es kann ein Akt der Wertschätzung sein, wenn ich einmal nichts sage und erst überlege: „Geht mich das wirklich etwas an? Muss ich hier tatsächlich meine Meinung kundtun, sei es im Guten, sei es im Kritischen?“ Was mein Mann isst, ist in erster Linie seine Angelegenheit. Das muss ich nicht kommentieren. Ob das Zimmer meiner Kinder aufgeräumt ist, ist ihre Sache und nicht meine. Ich bin schnell versucht zu sagen: „Diese Unordnung könnt ihr nicht so lassen!“ Aber die Kinder haben das Recht, sich ihr Umfeld so zu schaffen, wie es ihrem Entwicklungsstand entspricht. Manchmal braucht es das Chaos. Den Kindern zuzutrauen, selbst da herauszukommen, ist auch ein Akt der Wertschätzung. Darüber hinaus drückt sich Wertschätzung in Mimik, Gestik und Tonalität aus. Ich kann noch so sehr auf meine Formulierung achten: Wenn ich dabei laut werde oder ironisch, wirkt die Botschaft doppelzüngig. „Double Bind“ nennt das die Psychologie. Ein typisches Beispiel: „Dann mach halt, was du willst!“ Unsere Spiegelneuronen erkennen sofort, wenn Inhalt und Ton einer Aussage nicht übereinstimmen: „Sie hat es mir erlaubt, aber scheint es gar nicht so zu meinen.“ Wenn ein Kind wiederholt unstimmige Aussagen hört, gerät es in einen inneren Konflikt und weiß nicht, was es tun soll. Ähnlich wenn ein Chef dem Mitarbeiter sagt: „Sie können gern nach Hause gehen, aber dann besteht die Gefahr, dass wir den Auftrag verlieren.“ Der Mitarbeiter wird denken: „Ich darf also nicht Schluss machen, obwohl er so getan hat, als würde er es erlauben.“ Es gehört zur Wertschätzung, zwiespältige Botschaften zu vermeiden.
Zurück zu den Kindern, die ihr Zimmer nicht aufräumen: Ist es nicht gerade authentisch, wenn die Mutter zu verstehen gibt, dass sie sich damit unwohl fühlt?
Ja, unbedingt. Wenn ich mir ständig auf die Zunge beiße und unterdrücke, was ich sagen will, ist das nicht authentisch. Es ist eine Gratwanderung. In jeder Situation sollten wir in uns hineinspüren: Was ist gerade angebracht und was nicht? Muss ich mich jetzt einmischen oder kann ich mich zurücknehmen?
Wie wichtig ist es, dass ich mich selbst annehmen kann, um andere wertschätzen zu können?
Bleiben wir beim unaufgeräumten Zimmer: Wenn ich als Mutter nichts sage, bin ich mir vielleicht selbst nicht treu, also mir selbst gegenüber nicht wertschätzend. Dann wäre es ein Akt der Selbstliebe, dass ich etwas sage. Die Wertschätzung für mich selbst ist die Voraussetzung für jede Wertschätzung anderen gegenüber. Wenn mir das wiederholt nicht gelingt, wenn ich merke, dass ich oft nörgele oder außer mich gerate, sollte ich mich in einer ruhigen Minute fragen: Woran liegt es, dass ich mich so verhalte? Stehe ich unter Druck? Verbiege ich mich zu sehr? Kann es sein, dass ich mich selbst gerade nicht wertschätze?
Was ist in einer Beziehung nötig, damit Wertschätzung und Lob bei der anderen Person ankommen kann?
Eine wesentliche Voraussetzung dafür, dass jemand Lob, aber auch Kritik annehmen kann, ist Vertrauen. Wenn eine Schulklasse ihren Lehrer nicht respektiert oder ihn für unfähig hält, wird sie es kaum annehmen, wenn er sie lobt. Andererseits: Wenn der Lehrer authentisch ist und das Lob – oder die Kritik – wirklich so meint, ist es sehr wahrscheinlich, dass die Klasse das merkt und auch annehmen kann. Authentizität löst etwas aus – auch in Schülerinnen und Schülern. Für wertschätzendes Verhalten betrachte ich sie als die wichtigste aller Eigenschaften.
Aber wie kann ich wissen, ob ich authentisch bin?
Es gibt nur einen Weg. Und der geht über das Gefühl, das Sie in dem Moment haben. Alles, was wir sagen oder tun, entspringt entweder der Liebe oder der Angst. Lob und Tadel der Eltern ihrem Kind gegenüber entspringen unterschwellig einer Angst, etwa: „Wenn ich das meinem Kind nicht beibringe, könnte es sich so verhalten, dass es in unserer Gesellschaft nicht angenommen wird.“ Alle Handlungen, die aus Angst entstehen, sind mit einem entsprechenden Gefühl verbunden: Ich fühle mich eng, unbehaglich, es drückt auf der Brust, etwas zieht sich in mir zusammen. Echte Wertschätzung hingegen entspringt der Liebe, nicht der Angst. Wenn ich aus Liebe handle, fühlt sich das weit an, offen, in Ordnung, dann ruhe ich in mir selbst, kann durchatmen. Angst macht eng, Liebe macht weit: Das spüre ich körperlich. Daran erkenne ich, ob ich gerade authentisch bin oder nicht. Wertschätzung, die auf Angst beruht, ist nicht authentisch.
Lässt sich das auch auf die Arbeitswelt übertragen?
Dort ist es genauso. Wenn ich als Teamleiterin meiner Mitarbeiterin gegenüber auf authentische Weise Kritik äußere, kostet es mich vielleicht Überwindung. Dennoch fühle ich mich dabei gut, weil ich weiß, es ist sinnvoll, es bringt meine Mitarbeiterin weiter. Sobald ich mich verstelle, weil ich Anweisungen folge, aber selbst nicht dahinterstehe, bin ich nicht mehr ich selbst und handle ohne Wertschätzung. Das werde ich im Körper spüren. Ohne Echtheit keine Wertschätzung.
Wertschätzung beginnt schon vor dem ersten Wort. Was bedeutet das?
Sie beginnt damit, wie ich mich dem Menschen zuwende. Die Sprachwissenschaftlerin Mechthild von Scheurl-Defersdorf nennt dafür die Methode der „drei A“: anschauen, mit Namen ansprechen, atmen. Ich wandle sie etwas um: „Augenhöhe einnehmen“ – indem ich mich innerlich und manchmal auch körperlich auf die Ebene meines Gegenübers begebe, eine wertschätzende Haltung einnehme. „Anschauen“ – Wenn ich durchs Haus schreie: „Das Essen ist fertig!“, wirkt das wenig wertschätzend. Es kann ein Aufwand sein, hinzugehen und den anderen in die Augen zu schauen, doch dann fühlen sie sich angesprochen und reagieren auf meine Einladung. Noch mehr, wenn ich einen Atemzug lang abgewartet habe, ob sie sich auch mir zuwenden. Das verstehe ich unter einer wertschätzenden Kontaktaufnahme.
Was bewirkt Wertschätzung im Gegenüber, in mir selbst und in der Beziehung unter uns?
Da öffnet sich alles. Denn die andere Person fühlt sich gesehen, erkannt. Das ist ein Grundbedürfnis jedes Menschen. Dabei wird Oxytozin ausgeschüttet, ein Wohlfühlhormon. So wird Wertschätzung körperlich wahrnehmbar. Und wenn meine Wertschätzung einem anderen Menschen zum Wohlgefühl verhilft, löst dies dasselbe auch bei mir aus. Schon Erich Fromm hat in dem Buch „Die Kunst des Liebens“ geschrieben, dass das Geben genauso bereichernd ist wie das Bekommen. Da geht das Herz auf. Bei allen Beteiligten.
Herzlichen Dank für das Gespräch!
Clemens Behr

Karin Schrag
aus Bern, Jahrgang 1972, hat ihre Webseite mit ihrer Überzeugung „Worte wirken Wunder“ überschrieben. Als Kommunikationsexpertin hat sie schon für PR-Agenturen, Non-Profit-Organisationen und große Schweizer Firmen gearbeitet. In ihre Tätigkeit als Coach lässt sie ihre Erfahrungen als bewusst lebender Mensch, Mutter und Führungskraft einfließen. So teilt sie ihre Kenntnisse über wertschätzende und wirkungsvolle Kommunikation in Online-Kursen, Impulsreferaten, Blogs und in ihrer Community auf „Tribe“.
karinschrag.com
tribe.de/worte-wirken-wunder
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Der Artikel oben ist erschienen in der NEUEN STADT, Januar/Februar 2026.
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