Zusammenstehen
Yannik Sellmann

ist Journalist, studiert Geschichte und arbeitet in der Gedenkstätte Buchenwald. Er beschäftigt sich viel mit dem politischen Rechtsextremismus und dessen Wurzeln im 19. und 20. Jahrhundert.
Am 13. und 14. Februar dieses Jahres war es wieder so weit. In Dresden trafen sich Hunderte Demonstrierende zum alljährlichen „Trauermarsch“. Schon seit Jahrzehnten ist der Jahrestag der Bombardierung Dresdens im Zweiten Weltkrieg zum Hotspot von Menschen aus der rechtsextremen Szene geworden, die nicht die Zerstörung der Stadt und den Verlust von Tausenden Menschenleben betrauern, sondern vielmehr den Untergang des Dritten Reiches. Fester Bestandteil dieses Events sind exorbitant in die Höhe getriebene Opferzahlen – auf Transparenten werden bis zu 500 000 Tote beklagt – eine Zahl, die auf das Propagandaministerium unter Joseph Goebbels zurückgeht. In Wahrheit starben 25 000 Menschen. Das hat eine unabhängige Historikerkommission 2006 erst bestätigt.
Der NS-Staat ist eines der besten Beispiele dafür, dass eine Flut an Falschbehauptungen nicht etwa eine moderne Erscheinung des Internetzeitalters darstellt. Insbesondere das ideologische Fundament, der unendliche Fluchtpunkt der NS-Weltanschauung, der Antisemitismus, wird von Forschenden wie Theodor Adorno später als das „Gerücht über die Juden“ bezeichnet – weil er von einer Verschwörungserzählung nicht zu unterscheiden ist.
Es wird klar: Auch ohne den exponentiellen Multiplikator der sozialen Medien und Künstlicher Intelligenz waren Fake News und Verschwörungserzählungen immer Teil unserer Gesellschaften. Einige, wie die aufgeblasenen Opferzahlen von Dresden, haben eine unrühmliche Karriere hingelegt. Ausschlaggebend für diese Karrieren war nie der Mangel an Faktenchecks – es gab sie immer zuhauf. So kommunizierte Goebbels 1945 die falschen Zahlen nur ins Ausland – den Deutschen wurden zu kleine Opferzahlen genannt, um sie nicht zu verunsichern. Die Deutschen wussten also von Anfang an, dass die bei den „Trauermärschen“ und anderswo verbreiteten hohen Zahlen nicht stimmen konnten.
Entscheidend ist zuallererst, wer bereit ist, Fake News zu glauben. Der Verlust des Vertrauens in demokratische Institutionen führt dazu, dass immer mehr Menschen der Regierung grundlegend böse Absichten unterstellen.
Rassistische Einstellungen waren aus Deutschland nie verschwunden und führen heute dazu, dass die zweitgrößte Fraktion im Deutschen Bundestag verzweifelten Menschen auf der Flucht vor Vertreibung, Folter und Krieg unterstellt, eine Art kulturellen Angriff im Sinn zu haben und die deutsche Bevölkerung „austauschen“ zu wollen.
Der Kampf gegen Fakes ist somit neben der ständigen Wahrheitssuche vor allem ein Kampf gegen gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit. Es ist ein Wiedererstreiten von Vertrauen – in Demokratie und gelebte Zwischenmenschlichkeit. Dazu gehört zum einen das Verteidigen von demokratischen Institutionen wie Parlamenten, unabhängiger Presse und Rundfunk – auch, wenn nicht immer alles zufriedenstellt, was uns da entgegenkommt. Zum anderen gehört dazu die Arbeit im persönlichen Umfeld – das Streitgespräch an Weihnachten, Zivilcourage, das Unterstützen von Demos und Spenden an Verteidiger von Demokratie und Menschlichkeit. Und nicht zuletzt auch eine klare Abgrenzung von denen, die diese Werte mit Füßen treten.
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Der Artikel oben ist erschienen in der NEUEN STADT, März/April 2026 .
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