Überraschende Wendung
Wie die Generalversammlung der Fokolar-Bewegung
verlief und was dabei herauskam.
Die Wende der Einheit. So ist das Schlussdokument der Generalversammlung der Fokolar-Bewegung überschrieben. Die ist eines ihrer wichtigsten Entscheidungsgremien, tagt alle fünf Jahre und nimmt die Situation weltweit in den Blick. Wo steht die Fokolar-Bewegung heute? Was macht ihr Leben und ihr Engagement aus? Und wo soll es in den nächsten fünf Jahren hingehen?

Vom 1. bis 21. März hatten sich dazu 320 Personen am Internationalen Zentrum in Castel Gandolfo eingefunden. Sie kamen aus allen Teilen der Welt, waren gewählt, entsandt, eingeladen – um so die bunte Fokolar-Familie abzubilden. Es waren junge Menschen, Bischöfe, Laien, Priester, Männer und Frauen; sie kamen aus neun christlichen Kirchen und aus verschiedenen Religionen. Und sie waren gut vorbereitet. Denn schon in den Monaten zuvor waren alle, die sich der Fokolar-Bewegung verbunden wissen, eingeladen, sich einzubringen. So konnte Präsidentin Margaret Karram bei der feierlichen Eröffnung am 1. März sagen: „Nach einer langen Vorbereitung habe ich das Gefühl, hier nicht nur euch zu sehen, sondern alle unsere Gemeinschaften auf der ganzen Welt.“
Tatsächlich wurde die Zusammenkunft in Castel Gandolfo weltweit vom Beten und Leben vieler mitgetragen. Und die freuten sich mit, als Margaret Karram als Präsidentin wiedergewählt wurde. Wie auch über die Nachricht, dass der Argentinier Roberto Almada (s. S.46) auf den bisherigen Ko-Präsidenten Jesús Morán folgt, der nach zwei Amtszeiten nicht mehr zur Wahl stand. Zwanzig weitere Personen unterstützen die beiden in den kommenden Jahren in der Leitung, unter ihnen auch Joachim Schwind, früherer Chefredakteur der NEUEN STADT.
Mit freudiger Spannung erwarteten die Angehörigen der Fokolar-Bewegung auch die Ergebnisse aus den Beratungen; schließlich hatten die thematischen Vorschläge aus den Regionen und verschiedenen Lebensbereichen im Vorfeld ein Arbeitsdokument mit 118 Seiten gefüllt. Und nicht zuletzt hatten Beschlussfassungen über Änderungen im Allgemeinen Statut auf dem Programm gestanden.

Bunte Vielfalt
Die Rede von einer „Wende der Einheit“ kam da etwas überraschend. Eine Wende? Was meint das denn? War das nicht „gesetzt“ für Menschen, die sich der Spiritualität der Einheit verbunden wissen? Schließlich ist genau das das Charisma der Fokolar-Bewegung. Das hat Papst Leo auch in der Audienz für die Generalversammlung am 21. März bekräftigt und unterstrichen, wie dringend „dieser Sauerteig der Einheit heute gebraucht“ wird.
Wie notwendig Geschwisterlichkeit, Einheit und Dialog sind, war auch den Teilnehmenden an der Generalversammlung von Anfang an bewusst: etwa, weil viele direkt aus Krisen- und Konfliktgebieten kamen oder andere gar nicht anreisen konnten, da aufgrund des Iran-Kriegs der Flugverkehr im Nahen Osten eingestellt worden war. Außerdem hatten während der drei Einkehrtage am Beginn der Zusammenkunft „Gäste“ – befreundete Personen aus unterschiedlichen Lebens-, Kultur- und Wissensbereichen – in ihren Beiträgen aufblitzen lassen, wie sehr sie auf den Beitrag der Spiritualität der Einheit zählten.

Bunte Vielfalt ist sowohl Geschenk wie Herausforderung. Das unterstreichen auch die elf Teilnehmenden aus Deutschland, Österreich und der Schweiz. Da war einerseits die Freude über „eine Überfülle an persönlichen, tiefen, herzlichen Begegnungen mit bis dahin unbekannten wunderbaren Menschen aus völlig unterschiedlichen Lebensumständen“, wie es Christian Kewitsch aus Hamburg beschreibt. „Wie etwa jemandem zuzuhören, der von seinem Alltag in Aleppo oder Kuba erzählt, oder von einer Fokolargemeinschaft aus Ozeanien zu erfahren, deren Insel in den nächsten zehn Jahren aufgrund des Klimawandels verschwinden wird.“ Gleichzeitig klingt in den Berichten über die Arbeit in 30 Gruppen zu den thematischen Eingaben auch an, wie „herausfordernd“ diese Vielfalt an Kulturen und Mentalitäten sein kann: zuhören, nicht urteilen, aufnehmen, aushalten, nachfragen, sich in die Lebenswelt des/der anderen hineinfühlen. „Das war ein echtes und teilweise mühsames Übungsfeld für das Leben der Einheit“, gesteht nicht nur Johannes Breunhölder aus der ökumenischen Siedlung Ottmaring. „Da ist schon noch Luft nach oben.“

Die Ergebnisse wurden im Plenum und am Ende im Abschlussdokument auf gut vier Seiten zusammengetragen. Auch wenn darin viele konkrete Ansätze festgehalten sind, die Anregungen und eine gemeinsame Ausrichtung für das Leben der Gemeinschaften der Fokolar-Bewegung in den nächsten Jahren bieten, „das Wesentliche unserer Erfahrung“ – so Margaret Karram an verschiedenen Stellen – „ist dieser Satz: Als oberste Priorität für die nächsten fünf Jahre sieht die Versammlung eine Umkehr im persönlichen und gemeinschaftlichen Lebensstil: die Einheit soll das tägliche Leben prägen und nicht nur inspirierendes Leitprinzip sein.“
Man ahnt, dass es hier um mehr als einen Appell geht, vielmehr um die Einladung zu einer vertieften, erneuerten Grundhaltung, die alles andere – das persönliche und gemeinschaftliche Leben wie auch jedes Engagement – durchdringen soll.
Chance nutzen
Dahinter steckt wohl eine „entscheidende“ Erfahrung der Generalversammlung. Ursprung waren die vorgeschlagenen Änderungen am Allgemeinen Statut. Die Rückmeldungen des für die Fokolar-Bewegung zuständigen vatikanischen Dikasteriums für die Laien, die Familie und das Leben hatten – nach intensiven Gesprächen und Briefwechseln auch im Vorfeld – so grundlegende Anmerkungen und Fragen beinhaltet, dass ihre Bearbeitung in der laufenden Generalversammlung nicht möglich war. Zentraler Punkt dabei ist die Anfrage, wie im Leben einer gemeinschaftlichen Spiritualität die Freiheit (des Gewissens) der einzelnen Person gewahrt bleibt. Papst Leo sagte zum Abschluss in seiner Ansprache, es gehe darum, gemeinschaftlich zu erkennen, „wie das Charisma der Einheit in Formen des Gemeinschaftslebens umgesetzt werden soll, die die Schönheit der evangeliumsgemäßen Neuheit zum Strahlen bringen und zugleich die Freiheit und das Gewissen jedes Einzelnen achten, seine Gaben und Einzigartigkeit zur Geltung bringen.“
Das sind keine neuen Fragen. Nicht zuletzt aufgrund von Fällen geistlichen oder Machtmissbrauchs hatte sich die Fokolar-Bewegung diese schon in den vergangenen Jahren gestellt. Theologisch und kirchenrechtlich sind die Antworten über das rechte Verhältnis zwischen Freiheit und Gemeinschaft im Leben der Einheit jedoch noch klarer zu beschreiben. Zunächst hatte diese Erkenntnis in der Generalversammlung zu Sprachlosigkeit und auch Hilflosigkeit geführt. „Doch dann haben wir verstanden“, erzählen Uschi Schmitt und Roberto Rossi, die Delegierten der Fokolar-Bewegung für Deutschland, Österreich und die Schweiz, „dass darin auch eine große Chance steckt: Das alles drängt uns gewissermaßen dazu, uns auf unser Ureigenes zu konzentrieren und die Einheit, das Leben der Einheit wieder neu zur Ausgangsbasis unseres Lebens und unseres Einsatzes zu machen.“ Diese Chance zu nutzen, das ist wohl die zentrale Einladung aus der Generalversammlung. So kann das Leben zeigen, wie das Charisma der Einheit heute Geschenk für die Menschen sein kann.
Gabi Ballweg

DIE GENERALVERSAMMLUNG
ist eines der wichtigsten Entscheidungsgremien der Fokolar-Bewegung. Sie tagt alle fünf Jahre und berät auch über thematische Schwerpunkte. So ging es bei der Generalversammlung 2026 in 30 Gruppen um die Themen: Governance – Teilhabe und Verantwortung; unsere Erfahrung der Einheit; die Fokolar-Bewegung in der katholischen Kirche; Leben in Einheit und Gemeinschaft unter Christen verschiedener Kirchen; Frieden und integrale Ökologie; Weitergabe des Charismas; Dialog und Polarisierung; Kommunikation, Medien und Künstliche Intelligenz; Familie.
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Der Artikel oben ist erschienen in der NEUEN STADT, Mai/Juni 2026.
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