Heilige Tage
Reisen ist die große Sehnsucht vieler Menschen.
Gleichzeitig wird immer deutlicher, wie viel Schaden Tourismus anrichten kann. Die Reisepsychologin Martina Zschocke über die guten Wirkungen verantwortungsbewussten Reisens.
Reisen gehört zu den großen Sehnsüchten der Menschen. Warum ist das so, Frau Zschocke?
Unterwegssein gehört zum Wesen des Menschen. Und: Reisen hat einfach richtig viele positive Wirkungen auf uns!
Welche sind das?
Reisen regt die Wahrnehmung an. Der Mensch ist so gebaut, dass er sich an Reize gewöhnt und an bekannte Reize anpasst. Die Abwechslung, die das Reisen mit sich bringt, öffnet die Sinne. Reisende nehmen Farben, Gerüche, selbst die Feuchtigkeit der Luft aufmerksam wahr. Reisen steigert die gedankliche Beweglichkeit und macht kreativ. Außerdem fördert es die Erholung und tut der Gesundheit gut. Es ist leichter, inneren Abstand von Belastendem zu nehmen, wenn man äußeren Abstand hat.
Das Erleben von Neuem und auch schon die Vorfreude auf eine Reise führt zu einer erhöhten Ausschüttung von Dopamin, einem Hormon, das unter anderem wichtig ist für Motivation, Wachheit und Glückserleben.
Was macht eine gute Reise aus?
Mir gefällt die Aussage von Phil Cousineau, dass alle echten Reisen Pilgerreisen sind. Sie helfen, das zu finden, was einem etwas bedeutet. Das kann Kultur sein; das kann Religion sein, eine Lebensweise, ein Ort, Sinn oder von allem etwas.
Reisen bedeutet, offen zu sein für Neues, möglichst nah am Lebensgefühl der Menschen und an der Lebensweise der Orte zu sein, die man besucht.
Reisen gehört zu den Aktivitäten, an die wir uns am besten erinnern, weil sie mit tiefen Emotionen verbunden sind. Von einer Reise können wir viel ins eigene Leben mitnehmen. Deshalb ist es sinnvoll, sich nach der Rückkehr Zeit zu nehmen, die Eindrücke zu verarbeiten.
Könnte man sagen: Jede gute Reise führt am Ende auch zu sich selbst?
Auf jeden Fall. Im Alltag sind wir häufig auf Autopilot: Wir funktionieren und nehmen uns selbst und unsere Bedürfnisse kaum mehr wahr. Eine Reise kann helfen, über sich nachzudenken und sich zu fragen: Führe ich das Leben, das ich führen will? Wenn nicht: Wo kann ich etwas anders machen? Die Chance, wieder bei sich selbst anzudocken, ist auf Reisen ziemlich groß.
Wie unterscheiden Sie Reisen von Tourismus?
Tourismus findet häufiger auf vorgebahnten Wegen statt. Dort geht es weniger um das Entdecken als um ein Nacherleben, ohne sich tief auf Land und Leute einlassen zu können.
Das zeigt sich auch daran, dass 95 Prozent der Menschen an fünf Prozent der Orte reisen. Sie sehen und fotografieren zwar imposante Motive und können später sagen: „Ich war auch dort“, aber wirklich bleibend Neues erleben sie dabei seltener.
Verändert sich die Vorstellung vom Reisen?
Gerade bei jüngeren Menschen spielen Soziale Medien und Reise-Apps eine große Rolle. Viele der unter 50-Jährigen richten ihre Reiseziele nach Posts auf TikTok oder Instagram aus – bei den 18-30-Jährigen sind es 50 Prozent. Es sind vor allem spektakuläre Bilder, die ein Reiseziel interessant machen.
Anwendungen wie Google Maps empfehlen Hotels, Restaurants, Cafés und Sehenswürdigkeiten. Die ständige Verfügbarkeit solcher Ratgeber führt dazu, dass Reisende sich nicht mehr treiben lassen und spontan irgendwo stehen bleiben oder sich hinsetzen, wo es ihnen gefällt. Stattdessen suchen sie gezielt Orte auf, die gut bewertet wurden. Das stärkt die Tendenz, nicht mehr selbst etwas zu entdecken, sondern nachzuerleben, was viele andere vor einem getan haben.
Unter jungen Erwachsenen lässt sich aber auch eine andere, geradezu gegensätzliche Tendenz erkennen: Viele von ihnen nehmen sich nach der Schule, der Ausbildung oder dem Studium Zeit für eine längere Reise. Sie dauert oft ein ganzes Jahr und ermöglicht eine tiefe Begegnung mit dem Land und seinen Menschen. Eine Art moderner grand tour.
Was – außer der Dauer einer Reise – erleichtert es, mit Menschen in Kontakt zu kommen?
Es hilft, sich an die örtliche Lebenskultur anzugleichen. Ein Sprichwort sagt: „Wenn du in Rom bist, tu, was die Römer tun.“ Das beginnt damit, den Lebensrhythmus zu übernehmen; das eine oder andere Wort der Sprache zu lernen; in einer Stadt Orte jenseits der ausgetretenen Touristenpfade aufzusuchen; sich so zu bewegen, wie es die Menschen vor Ort tun. So ist es leichter, in Kontakt zu kommen und mehr über Lebenswelt, Kultur und Denkweise zu erfahren.
Wir beurteilen eine Reise oft nach dem, was wir gemacht haben, und nicht danach, wie weit wir uns auf das eingelassen haben, was wir vorfinden. Es kann sehr lohnend sein, sich auf die Suche nach dem Besonderen eines Ortes zu machen, dem Genius loci. Und niemand kann einem besser dabei helfen als Menschen, die dort zu Hause sind.
Wer sich auf einen Ort einlässt, wird nicht nur Schönem begegnen.
Es gibt Menschen, die sind nicht offen für neue Erfahrungen. Sie wollen nur sehen, was sie erwarten; sie wollen bekocht und bedient werden und sonst möglichst wenig Kontakt haben. Wer offen für Neues ist, ist eher bereit, auch die schmerzhaften Seiten zu sehen.
Ganz entscheidend ist die Frage nach der Motivation: Reist man, um sich zu erholen oder um inspiriert zu werden? Wenn es vor allem um Erholung geht, möchte man nur die schönen Seiten sehen. Geht es um Inspiration, dann neigt man dazu, verschiedene Seiten wahrzunehmen.
Viele Menschen erleben ihren Alltag als anstrengend. Ist es nicht verständlich, dass sie „nur“ Erholung suchen?
Zweifellos! Je stressiger das Alltagsleben ist, umso mehr sucht man im Urlaub nach Entspannung. Wer während des Jahres einer Flut an Informationen ausgesetzt ist, sucht oft Ruhe am Meer oder Bewegung in den Bergen; wer wenig Abwechslung hat, sucht neue Impulse; wer körperlich arbeitet, möchte gerne auch einmal alle Viere von sich strecken.
Deshalb empfehle ich, nicht einfach ein Reiseziel zu wählen, das angesagt ist, sondern sich die Frage zu stellen: Was brauche ich jetzt? Welche Art von Reise tut mir jetzt gut? Das kann sich je nach aktueller Lebenssituation und Lebensphase unterscheiden. So reist man mit Anfang 20 häufig anders als mit kleinen Kindern oder im höheren Alter. Und noch etwas scheint mir wichtig.
Nämlich?
Wir sollten nicht unsere ganze Hoffnung auf Erholung auf die zwei oder drei Urlaubswochen legen. Viele Menschen gönnen sich im Laufe des Jahres sehr wenig und im Urlaub alles. Es ist dem Wohlbefinden deutlich zuträglicher, auch während des Jahres Lebensfreude und Genuss zuzulassen, und – wenn nötig – im Urlaub auf etwas zu verzichten.
Es gibt Menschen, die es sich gar nicht leisten können zu reisen …
… und das ist insbesondere für Familien ein Problem. Wenn Kinder etwa in der Schule sagen müssen, dass sie nicht verreisen, ist das sehr unangenehm, wenn die anderen an schöne Urlaubsziele reisen. Dennoch sollte man sich auch in einer solchen Situation nicht zu Hause eingraben. Neues zu erleben ist auch am eigenen Ort möglich. Manchmal reicht es schon, andere Wege zu gehen, andere Stadtviertel zu besuchen oder anderswo einzukaufen, damit sich die Wahrnehmung wieder weitet. Oder reizvolle Landschaften in der Nähe zu besuchen. Manchmal bringen solche kleinen Ausflüge mehr Glück als die Instagram-tauglichen Superreisen.
Sind Reisen ökologisch und sozial überhaupt noch zu verantworten? Richten sie nicht zu viel Schaden an?
Zweifelsohne gibt es Reiseformen, die großen Schaden anrichten. Flugreisen sind problematisch, vor allem dann, wenn man für ein verlängertes Wochenende irgendwo hin jettet. Das gilt auch für Reisen an Orte, die überlaufen sind. Dieser Overtourism kann ganze Städte und Regionen zerstören: Er überlastet Infrastruktur und Natur; er führt zu höheren Preisen, insbesondere für die Miete, und die örtliche Bevölkerung wird zunehmend an den Rand gedrängt.
Wie geht es besser?
Indem wir mit Augenmaß reisen. Nicht an die Orte fahren, an die alle reisen, sondern bewusst andere Ziele suchen. Flugreisen nur dahin machen, wo es nicht anders geht, und dann länger bleiben. Ganz auf das Reisen verzichten, ist aber auch keine Lösung – weder sozial noch ökologisch.
Warum?
Wer mit offenem Herzen reist, baut Vorurteile ab. Fremde Menschen wachsen einem ans Herz. In einer Zeit, in der wir uns oft abschotten, ist das eine wichtige Erfahrung.
Es kommt hinzu, dass viele Länder vom Tourismus leben. Jeder zehnte Arbeitsplatz weltweit hängt daran. Während der Corona-Pandemie haben wir erlebt, dass in vielen Ländern die Armut massiv angestiegen ist – auch weil es nicht möglich war zu reisen.
Auch für die Gesundheit ist es nicht unwichtig. In einer finnischen Langzeitstudie über 40 Jahre hat sich auch gezeigt, dass Männer mittleren Alters, die weniger als drei Wochen Urlaub pro Jahr nahmen, eine um 37 Prozent erhöhte Sterblichkeit aufwiesen. Das ist eine Größenordnung, die nicht zu vernachlässigen ist.
Und der ökologische Nutzen?
Wer auf Dauer für Reisende attraktiv sein will, kann die Ökologie nicht außer Acht lassen. Für immer mehr Menschen ist Nachhaltigkeit ein wichtiges Kriterium für die Wahl ihrer Reiseziele.
So sind etwa viele Naturschutzgebiete in afrikanischen Ländern nur deshalb unter Schutz gestellt, weil sie über die Eintrittspreise Geld bringen. Menschen wollen Wildtiere, die vom Aussterben bedroht sind, sehen und bezahlen dafür. Auch so kann Artenvielfalt geschützt werden.
Zusammengefasst: Urlaub machen ja, aber verantwortungsbewusst.
Genauso. Auf Englisch heißt Urlaub holidays. Ursprünglich hieß es holy days, besondere Tage, heilige Tage. Auf diesen Sinn sollten wir wieder zurückkommen: Reisetage genießen, ja feiern und gleichzeitig mit Verantwortung leben, sodass sie für alle Seiten gut sind – für Reisende, die Umwelt und die Gastgeber.
Herzlichen Dank für das aufschlussreiche Gespräch.
Peter Forst

Martina Zschocke
ist Psychologin und Journalistin. Seit 2010 ist sie Professorin für Freizeitsoziologie und -psychologie an der Hochschule Zittau/Görlitz. Sie hat in Leipzig, den USA und den Niederlanden studiert und als Wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universitätsklinik Halle/Saale und an der Bauhaus Universität Weimar gearbeitet. Sie hat in Brüssel gelebt und gearbeitet und war bei Radio Prag, der deutschsprachigen Redaktion des Tschechischen Rundfunks, tätig.
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Der Artikel oben ist erschienen in der NEUEN STADT, Juli/August 2026.
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