Einfühlsam

Was empfindet ein Baby? Vor allem, wenn es immerzu schreit? Wenn es selbst und seine Eltern nur noch Nervenbündel sind?  Schreibaby-Ambulanzen versuchen, den Gründen für das massive Schreien auf die Schliche zu kommen. Almut Heitmann aus Dresden hat uns erzählt, wie sie mit den Eltern und ihren Babys umgeht.

Wie fühlen sich Flüchtlinge? In Berlin-Wedding trifft sich vierzehntäglich ein Teil der Fokolar-Gemeinschaft der Stadt mit koptischen Christen, die aus Ägypten geflohen sind. Sie üben mit ihnen Deutsch und erfahren dabei, wie es ihnen geht, wo der Schuh gerade drückt und warum sie alles hinter sich gelassen haben. Mit der Zeit ist ein beachtliches Netz der Freundschaft gewachsen.

Wie sehen Osteuropäer die Flüchtlingsbewegungen? Sie wehren sich, Syrer und Afghanen aufzunehmen. Das ist zumindest der Eindruck, den viele Medien vermitteln. Ist etwas dran? Spielt Angst vor dem Fremden, dem Islam eine Rolle? Unsere osteuropäischen Nachbarn mehr kennenzulernen und ihre Haltung zu verstehen, ist Ziel unseres Gesprächs mit der Zürcher Osteuropa-Historikerin Nada Boškovska.

Ich bin kein Baby, Flüchtling oder Osteuropäer. Daher empfinde ich ihnen gegenüber – jeweils auf andere Weise – Fremdheit, Andersartigkeit, Unverständnis. Um die Barriere zu überwinden, brauche ich Einfühlungsvermögen. Zuvor jedoch muss ich die Barriere überwinden wollen. Genüge ich mir selbst, schalte ich das Geschrei innerlich aus, sollen mich Sorgen anderer nicht berühren? Dann sehe ich auch keinen Anlass, über das Anderssein und das Fremdartige hinaus eine Verbindung zu suchen.

Während ich dies schreibe, liegt die Landtagswahl in drei deutschen Bundesländern erst wenige Tage zurück. Die hohen Gewinne der AfD habe ich noch nicht ganz verdaut. Es scheint, dass ein Teil Protestwähler waren, die ihre Anliegen und Bedürfnisse von der Politik nicht beachtet und vertreten sehen. Im Nachklang der Wahl habe ich von vielen Politikern der etablierten Parteien Parolen gehört wie: Wir machen weiter wie bisher, jetzt erst recht! Einfühlungsvermögen, den Willen zu verstehen, das Bemühen, die Gräben zu überwinden, Andersdenkende mit hineinzunehmen, habe ich dabei vermisst!

Beim Chefredakteur der „Zeit“, Giovanni di Lorenzo, kann ich erkennen, dass er Gräben zuschütten will zu jenen Bürgern, die den Medien in letzter Zeit immer skeptischer gegenüberstehen. Seine Dresdner Rede vor einigen Wochen zeigt: Er versucht, sich in ihre Haut zu versetzen, erkennt Fehler seiner Branche und will daran arbeiten, sie zu beheben.  In einem ganz anderen Feld haben Patriarch Kyrill von Moskau und Papst Franziskus den Willen gezeigt, Barrieren zu überwinden, und das Feingefühl, das dazu nötig ist.

Ich merke, dass mir zuweilen die nötige Einfühlsamkeit fehlt. Aber zumindest der Wille und die Bereitschaft, Schritte auf fremd erscheinende, andersdenkende Menschen zuzumachen, sie zu verstehen und gemeinsame Ansatzmöglichkeiten zu suchen, sind da.

Ihr

Clemens Behr

(Erschienen in der gedruckten Neuen Stadt, April 2016)
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