„Die Kirche bat uns um Hilfe!“

Das war einzigartig: Weil er nicht nur über Jugendliche reden wollte, sondern mit ihnen, hat Papst Franziskus junge Leute nach Rom eingeladen. Freimütig und ehrlich –
„ ungeschminkt “ – sollten sie ihre Lebenssituation einbringen.  Das Ergebnis? Ein Dokument mit überraschend positivem Grundton. Mit und in der Kirche wollen die Jugendlichen Kirche sein – für die Menschen.

Foto: (c) Noemi Sanches

Sie wünschen sich Offenheit, Ehrlichkeit und Glaubwürdigkeit. Vorbilder, die ihnen nahe sind und gleichzeitig authentisch. Führungspersönlichkeiten, die keine Angst davor haben, auch Schwächen zu zeigen, ihre Fehler zuzugeben und gegebenenfalls um Verzeihung zu bitten. Vorbilder, mit denen man offen über alles reden kann. So jedenfalls fasst Noemi Sanches aus Paraguay für sich die wichtigsten Ergebnisse der Vorsynode in Rom zusammen. Die 28-jährige studiert in Italien und vertrat bei einem – wie sie sagt – „epochal neuen Ereignis“ die Jugendlichen der Fokolar-Bewegung: Sie war eine von 300 jungen Leuten, die Papst Franziskus vom 19. bis 24. März eingeladen hatte, um eine Bischofssynode vorzubereiten. Weil es dabei um die Lebenswelt junger Menschen, ihr Verhältnis zu Kirche und Glaube sowie ihre Lebensentscheidungen gehen soll, wollte der Papst, dass nicht nur über die Jugendlichen, sondern mit ihnen geredet wird. Und bei seiner Rede zu Beginn dieser „Vorsynode“ hat er ihnen das noch einmal eindringlich nahegelegt: „Ihr seid eingeladen, weil euer Beitrag unverzichtbar ist. Wir brauchen euch. Darum ermahne ich euch, bitte: Seid mutig in diesen Tagen, sagt alles, was euch in den Sinn kommt!“

Foto: (c) Noemi Sanches

Die Jugendlichen nahmen diese Einladung ernst – nicht nur die 300 direkt in Rom, sondern auch die fast 15 000, die über Soziale Netzwerke verbunden waren. „Wir waren uns sehr bewusst, dass wir nicht nur für uns da waren oder für die Organisation, die wir vertraten“, beschreibt Noemi die Grundstimmung. „Wir vertraten die Jugendlichen der ganzen Welt.“ Und das nicht zuletzt deshalb, weil nicht nur kirchlich engagierte und eingebundene Jugendliche dabei waren, sondern auch Nichtglaubende und Angehörige anderer Religionen. „Die Kirche bat uns um Hilfe!“,  ergänzt sie mit durchaus staunendem Unterton.
In 20 Arbeitsgruppen (Italienisch, Englisch, Spanisch und Französisch) machten sich die Jugendlichen an die Arbeit, um ihren Teil für die Weltbischofssynode im Oktober zum Thema „Jugend, Glaube und Berufungsentscheidung“ beizutragen. Das Ergebnis: Ein 12-seitiges Dokument, das – so steht es in der Einführung der Jugendlichen – „den Bischöfen als Kompass dienen soll, junge Menschen besser zu verstehen.“
Dass das gemeinsame Arbeiten nicht nur glatt lief, kann man sich vorstellen. Die Aufgabe der Jugendlichen bestand darin, einen vorgefertigten Fragenkatalog zu den Themen der Synode in ihrer Gruppe zu beantworten. Aus diesen Antworten entstand dann die erste Fassung des Abschlussdokuments, die anschließend im Plenum und in den Kleingruppen mehrfach überarbeitet wurde. Erst die dritte Fassung wurde mit überwältigender Mehrheit angenommen. „Die Arbeit – sowohl in den Arbeitsgruppen wie auch im Plenum – war sehr intensiv, aber natürlich auch engagiert und manchmal ein wenig polemisch. Aber“, so sagt Noemi, „wir haben uns gegenseitig geholfen, auch korrigiert –immer im Bemühen, alle einzubeziehen und keinen außen vor zu lassen.“ Franziskus hatte die Jugendlichen dazu eingeladen: mutig, ohne Scham, freimütig und offen zu reden, gleichzeitig aber auch demütig zuzuhören.

Foto: (c) Robert Daiser

Robert Daiser, 26, ist Priesteramtskandidat in München und vertrat die europäischen Seminaristen in Rom. „Inhaltlich gesehen“, sagt er, „spiegelt das Dokument die Pluralität der Anwesenden wider. Deshalb ist es auch kein ‚glattes’, sondern ein eher ‚kantiges’ Abschlussdokument. Es gab durchaus Spannungen. Verständlicherweise kann ein Jugendlicher aus Nigeria oder Irak, der extremer Armut, religiöser Diskriminierung und tagtäglich Gewalt und Krieg ausgesetzt ist, mit einer jugendgerechten Liturgie und Musik eher wenig anfangen.“
Wie die Lebenswelten der Jugendlichen decken auch die Themen des Dokuments ein breites Spektrum ab: Sie reichen von den von Robert Daiser angesprochenen schwierigen sozio-kulturellen Bedingungen, wie Krieg und Armut, mit denen sich Jugendliche in vielen Teilen der Welt konfrontiert sehen, bis hin zur Rolle der Frauen in der Kirche, „auch wenn es in erster Linie gar nicht um die Zulassung zur Weihe ging“. Auch Sexualität wurde in mehreren Aspekten erwähnt, etwa der kirchliche Umgang mit Homosexualität. „Bemerkenswert“ findet der Münchner, dass viele Jugendliche sich eine klarere und verständlichere Erklärung der kirchlichen Lehre wünschten.
Insgesamt ist das Dokument von einem positiven Grundton geprägt, der deutlich macht, wie viel den Jugendlichen an Kirche liegt. Trotz aller Kritik identifizieren sie sich mit ihr und wollen aktiver Teil von ihr sein. „Für mich“, so Daiser, „war es überraschend, wie viele Potenziale und Anknüpfungspunkte viele in Glaube und Kirche auch für ihre nicht-gläubigen Altersgenossen und deren Sinnsuche sehen. Häufig war davon die Rede, dass die jungen Menschen auf der Suche nach Orientierung in der heute sehr komplexen und schnelllebigen Zeit sind. Deshalb wollen sie die Kirche verändern, damit ihre eigentliche Botschaft allen jungen Menschen wieder besser vermittelt werden kann, und fordern eine Kirche, die mehr als Gemeinschaft und nicht nur als Institution erfahrbar ist.“

Foto: (c) Noemi Sanches

Dass die Veränderung nur gemeinsam geht – auch mit allen Generationen – dessen ist sich wohl nicht nur Noemi bewusst: „Jeder hat seinen eigenen Zugang und gerade das ist eine große Bereicherung. Es vermittelt uns mehr Weitsicht, einen größeren Überblick. Gemeinsam haben wir viel mehr zu geben.“ Und weil sie gerade diese Erfahrung untereinander gemacht hatten, schlagen die Jugendlichen vor, bei aktuellen Fragen keine Angst zu haben und das offene Gespräch zu suchen, einfach an der Seite der Menschen zu sein. „Aber“, so Noemi, „da war in einigen Erwachsenen auch Ängstlichkeit spürbar, dass man die eigene Identität verlieren könne, wenn man zu sehr auf die anderen zugeht. Wir Jugendlichen jedoch waren der Meinung, dass man die eigene Identität so nicht verliert, sondern dass sie eine Bereicherung erfährt.“ Natürlich, schränkt sie ein, muss sich jeder über seine eigene religiöse Identität im Klaren sein, „sonst kann er ja auch gar nichts einbringen.“
Zusammenfassend nach ihrem Eindruck befragt, sagt Noemi, was sie am Palmsonntag auch dem Papst gesagt hat, als sie zusammen mit anderen das Schlussdokument übergab: „Mehr als je zuvor möchte ich mich für und in der Kirche engagieren und mit ihr für die ganze Menschheit leben.“ Und sie ergänzt: „Mir war immer bewusst, dass ich ‚Kirche bin’, wo auch immer ich mich bewege. Die Teilnahme an diesem vorsynodalen Treffen hat mir die Möglichkeit geschenkt, das alles noch in viel tieferem Maß zu erleben.“ Und Robert klingen vor allem zwei Sätze nach: „‚Liebe bedeutet Nähe’, sagte Franziskus uns. Und dass es nicht nur die Aufgabe der einzelnen Christen sei, Zeugen für das Evangelium zu sein, sondern dass auch die Beziehungen unter uns Zeugnis davon ablegen müssen. Für mich sind das zwei äußerst bedenkenswerte Ansätze, auch für unsere Kirche in Deutschland.“

Foto: (c) Noemi Sanches

Vorsynode
Die Bischofssynode zum Thema „Jugend, Glaube und Berufungsentscheidung“ findet im Oktober statt. Zur Vorbereitung gab es vom 19. bis 24. März in Rom eine „Vorsynode“. 300 Jugendliche aus allen fünf Kontinenten nahmen daran teil. Katholische und kirchlich Engagierte, aber auch Vertreter anderer Konfessionen und Religionen sowie Kirchenkritische. Fast 15 000 beteiligten sich über die Sozialen Netzwerke. Das von ihnen erarbeitete 12-seitige Dokument geht in das offizielle Arbeitspapier der Synodenväter ein.

Gabi Ballweg

(Erschienen in der gedruckten Neuen Stadt, Mai/Juni 2018)
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