Enge und Abstand

Die Einschränkungen aufgrund der Corona-Pandemie waren für viele Beziehungen eine Herausforderung: Familien, bei denen das Streitpotenzial zunahm, weil sie ungewohnt lange auf engem Raum zusammengepfercht waren...

Großeltern, Kinder, Enkel, die gelitten haben, weil sie sich nicht wie sonst besuchen konnten. Wie Nähe zeigen und Zuwendung leben in Zeiten gebotener Distanz?

Barbara Nocke
Fachkraft Augenheilkunde, Berlin
Meine Mutter, 91, lebt im Seniorenheim. Jede Woche besuche ich sie, denn meine Geschwister wohnen weit weg. Mit der Pandemie war das sechs Wochen lang nicht möglich: eine harte Zeit! Das Pflegepersonal ist sehr engagiert, aber meine Mutter möchte noch vieles tun und braucht dabei meine Hilfe. Immerhin konnten wir telefonieren. Trotzdem hab ich mich oft gefragt: Kommt sie mit der Situation klar?
„Schreib ihr doch!“, rieten Nachbarn. Gesagt, getan. Aber die Briefe kamen nicht an. Ich bastelte ein Fensterbild. Aber erreichte sie mein Lebenszeichen? Es war belastend! Ich fühlte mich hilflos. Ob sie sich eingesperrt und einsam vorkam? Am Telefon blieb das offen. Du musst jetzt ganz den Pflegerinnen vertrauen, sagte ich mir. Die brauchen gerade viel Kraft! So habe ich bewusst versucht, meinen Alltag gut zu leben, den Schwestern aber auch ein Päckchen mit Kaffee und Süßigkeiten geschickt. Meine Geschwister bat ich, Mutter öfter als sonst anzurufen.
Schließlich durfte ich wieder kommen. Durch ein Fenster konnten wir uns unterhalten. Erstmals mit Maske: ein komisches Gefühl! Von draußen musste ich auf sie drinnen im Rollstuhl hinunterschauen. Was zusätzlich Distanz schuf. Danach war ich ganz geknickt! Das nächste Mal schoben sie Mutter in den Garten. Wir konnte auf einer Ebene sitzen. Das war schon viel besser! Die Masken waren wir inzwischen gewohnt.

Veronika Dörrer
Pharmazeutin, Wiener Neudorf
Die Einschränkungen haben unser Familienleben komplett verändert. Unsere nach Unabhängigkeit strebenden Jugendlichen mussten zu Hause bleiben. Ein gemütliches Wochenende wurde bald mühsam. Ihnen fehlten Freunde, Spaß mit Gleichaltrigen, Sport und Schule. Dafür waren wir täglich bei den Mahlzeiten zusammen, mit ausgiebigen Gesprächen und Diskussionen. Schnell war klar, wie sehr wir aufeinander angewiesen sind. Geschwister, sonst eher für kritische Anmerkungen zuständig, finden Lob und Aufmunterung füreinander. Spieleabende können wir bei aller Verschiedenheit richtig genießen und die Suche nach einem Film für alle gestaltet sich immer wieder erfreulich.
Mein Mann und ich hatten uns schon lange auf ein Paarseminar mit Impulsen für unsere in die Jahre gekommene Ehe gefreut. Corona kam dazwischen. Wir ersetzten das Seminarprogramm durch Spaziergänge. So groß die Enttäuschung erst war, so groß war danach die neue Zuversicht und die Dankbarkeit für das, was uns verbindet.
Uns Eltern fällt es schwer, die Jugendlichen nicht zu sehr zu drängen, ihre „Downs“ anzunehmen, sie in ihrem Tempo zu begleiten. Auch uns selbst fordert es täglich heraus, zu wechseln zwischen aktivem Tun und Zeithaben füreinander, sich motivieren und auch mal treiben lassen. Ein wertvoller Prozess, der uns auch nach Corona nützen wird.

Ulrich Busch
Diplom-Psychologe, Weilrod
Nähe wird hergestellt, indem man sich trifft, den Austausch und damit Gelegenheiten sucht, sich von anderen verstanden zu fühlen. Einander umarmen, spüren lassen, dass man sich nahe ist – das geht im „Lockdown“ nur noch mit den engsten Familienmitgliedern. Umso wichtiger ist es, den anderen verstehen zu wollen, um seine Besonderheiten und Grenzen noch mehr kennenzulernen. Genauso wichtig ist es aber auch, die eigenen Bedürfnisse zu kennen und mit Feingefühl zu äußern, zum Beispiel, wenn man sich eine Weile zurückziehen möchte. Der andere sollte das schätzen, im Wissen, dass man später ja wieder zusammenkommt. Das beugt einer gereizten Grundstimmung vor.
Sollte eine Person gereizt sein, hilft es, wenn andere sie frühzeitig taktvoll darauf hinweisen. So merkt sie, dass auch sie Verantwortung für das Miteinander hat, und kann etwas dafür tun, etwa mehr Wert auf Pausen legen. Manche sagen, es müsse auch mal „richtig krachen“, um im Sinn eines reinigenden Gewitters wieder neu anfangen zu können. Auch ein Neuanfang kann liebevoll sein.
Zur Ausgewogenheit von Nähe und Distanz in einer Hausgemeinschaft trägt bei, dass man sich abstimmt und voneinander die Tagesplanung kennt, eventuell zusammen auf den Tag zurückblickt. Viele meiner Klienten berichten, dass sie so das Gefühl von Kontrolle zurückgewinnen.

(Erschienen in der gedruckten Neuen Stadt, Juli/August 2020)
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