2. Februar 2021

Verheerende Auswirkungen

Von nst5

Was passiert bei geistlichem Missbrauch?

Katharina Anna Fuchs, promovierte Psychologin in Rom, veranschaulicht in unserem Gespräch die Folgen für die Opfer, geht auf Täterprofile ein und gibt Hinweise zur Vermeidung. 

„Geistiger“ und „Geistlicher Missbrauch“: Was ist darunter zu verstehen, Frau Fuchs?
Für den „Geistlichen Missbrauch“ steht im deutschen Sprachraum die Einigung auf eine eindeutige Definition noch aus. Wenn jemand kontrollierenden, manipulierenden oder einschüchternden Einfluss auf eine Person oder Gruppe ausübt, die er begleitet oder für die er Verantwortung hat, können wir von „Geistigem Missbrauch“ sprechen. Er kann überall vorkommen, wo jemand Macht über andere hat. Das kann Beziehungen im therapeutischen, aber auch im Erziehungs- oder Bildungsbereich betreffen. „Geistlicher Missbrauch“ unterscheidet sich insbesondere dadurch davon, dass er in einem religiösen Zusammenhang geschieht und damit auch geistlich-spirituelle Inhalte betrifft.

Wie geht geistlicher Missbrauch vor sich?
Ähnlich wie bei anderen Missbrauchsformen spielen Macht- und Vertrauensmissbrauch eine zentrale Rolle. Das Verhalten anderer Personen zu kontrollieren, sie einzuschüchtern und zu dominieren kann durch Manipulation geschehen, indem sich ein geistlicher Begleiter oder eine Führungsperson einer Glaubens- oder Ordensgemeinschaft zum Beispiel als Sprachrohr Gottes ausgibt und auch von der begleiteten Person als solches gesehen wird. Die begleitende Person kann versuchen, gezielt über die Heilige Schrift oder spirituelle Texte Einfluss zu nehmen, indem Passagen falsch ausgelegt werden. Wir lesen in Matthäus 18,3 „Wenn ihr nicht umkehrt und werdet wie die Kinder, werdet ihr nicht in das Himmelreich kommen.“ Aus dem Zusammenhang und aus seiner Zeit gerissen kann man das so verstehen, dass Menschen immer abhängig von anderen Personen bleiben, nicht wirklich erwachsen werden, keine Verantwortung übernehmen sollen.
Ein Anzeichen für geistlichen Missbrauch kann sein, wenn ein geistlicher Begleiter oder eine verantwortliche Person absoluten Gehorsam erwartet. Wenn das mit hohen Idealen verknüpft ist, kommt es dann leicht auch zu Erniedrigungen. Das mindert den Selbstwert und stärkt den Selbstzweifel bei den Betroffenen.
Weiter kann Isolierung mit geistlichem Missbrauch einhergehen, indem verlangt wird, sich von Familie, Freunden oder Kollegen fernzuhalten. Zusammen mit einer Elite- wird eine Insider-Outsider-Mentalität geschaffen: Der Begleiter oder die Gruppierung sei etwas Besonderes, Besseres; andere könnten das nicht verstehen oder würden der Person oder der Gruppe nicht guttun und sie auf ihrem Weg behindern.

Gibt es Personen, die für geistlichen Missbrauch anfälliger sind?
In der Tat. Meistens sind es Menschen, die eher neu im Glauben stehen oder erst jüngst eine Berufung gespürt haben. Personen, die auf der Suche sind nach Halt und Sinn; die eine Lebenskrise durchlaufen oder Hilfe benötigen, weil sie eine wichtige Entscheidung treffen müssen. Menschen sind gefährdet, die emotional labil oder gar „gebrochen“ sind. Ein weiterer Risikofaktor ist, wenn man schon andere Formen von Missbrauch erlebt hat wie körperliche Gewalt, emotionalen, psychischen oder sexuellen Missbrauch.

Welche Folgen hat geistlicher Missbrauch für einen Menschen?
Das hängt von seiner Persönlichkeit ab, von Dauer, Art und Intensität des Missbrauchs. Symptome und Folgen können sofort oder erst mittel- oder langfristig auftreten. Ich unterscheide dabei sechs Ebenen.
Auf der körperlichen zeigen sich häufig diffuse Schmerzen: starke Verspannungen, Kopf- oder Rückenschmerzen. Die Person kann mit Zittern oder starkem Schwitzen zu kämpfen haben oder sich generell schwach und ausgelaugt fühlen.
Auf der psychischen Ebene sind die Folgen ein geringes Selbstwertgefühl, Unsicherheit, ein negatives Selbstbild. Die Betroffenen tun sich schwer, unbeschwert glücklich zu sein. Mittel- und langfristig kann es zu Angststörungen kommen, zu Schlafstörungen, Depressionen, Suchterkrankungen bis hin zu Suizidversuchen.
Vertrauensverlust, Misstrauen, Absonderung und Beziehungsprobleme können sich auf (psycho-)sozialer Ebene zeigen.
Auf der emotionalen Ebene sind Schuld- oder Schamgefühle häufig, ein Gefühl von Macht- und Hoffnungslosigkeit. Ängstlichkeit, Traurigkeit, Einsamkeit, aber auch Ärger oder Wut können sich breit machen.
Was die kognitive Ebene – Verstand und Intellekt – betrifft, können Betroffene Probleme haben, kritisch zu denken und zu hinterfragen, Entscheidungen zu fällen oder Zukunftspläne zu erstellen.
Die sechste ist die spirituelle Ebene, die bedeutsamste in diesem Kontext. Geistlicher Missbrauch kann sich verheerend auf Glauben, Kirchenbild, Gottesbild und Beziehung zu Gott auswirken und diese sogar gänzlich zerstören. Opfer fragen sich: Was ist das für ein Gott? Warum hat er nicht eingegriffen? Warum konnte ich in seinem Namen missbraucht werden?

Können Außenstehende oder Mitglieder einer Gemeinschaft Geistlichen Missbrauch erkennen?
Außenstehende schon! Alarmzeichen können sein, dass sich eine Person immer mehr isoliert oder den Kontakt abbricht; dass sich alles nur noch um die Gemeinschaft, ihre Führungsperson oder den geistlichen Begleiter dreht und das, was sonst passiert oder vorher im Leben geschehen ist, nicht mehr zählt; dass man das Gefühl hat, die Person weiß überhaupt nicht, warum sie das alles tut. Wenn sie sich sehr mit Gefühlen von Unzulänglichkeit, Scham und Schuld plagt, kein Selbstwertgefühl mehr hat; wenn sie nicht mehr eigenständig denken oder entscheiden kann: Bei solchen Anzeichen sollte man genauer hinschauen und gegebenenfalls eingreifen. Für Mitglieder derselben Gemeinschaft ist es schwieriger, da sie Teil des Systems sind und viele Abläufe, Verhaltensweisen usw. nicht mehr objektiv sehen und hinterfragen können.

Wenn ich vermute, dass jemand ein Opfer von Geistlichem Missbrauch ist: Wie auf ihn zugehen?
Wurde eine Person schon über einen längeren Zeitraum manipuliert, kontrolliert und abgekapselt, ist es sehr schwierig, mit ihr darüber zu reden. Wenn ich sie direkt anspreche, wird sie vermutlich entgegnen: „Ich fühle mich dazu berufen, es ist mein Weg. Gott möchte das.“ Dann ist es schon viel, wenn man weiter den Kontakt halten kann. Erst wenn der Person selbst Fragen und Zweifel kommen, kann man mit viel Fingerspitzengefühl einhaken.

Wer sind die Täter?
In vielen Fällen Personen, die aufgrund ihrer Position, ihres Alters oder ihrer Erfahrung eine Autorität darstellen. Hinzu kann ein gewisses Charisma kommen, sich in der Öffentlichkeit gut zu verkaufen; dass sehr anziehend ist, was sie sagen, was sie tun und wie sie es tun.
Oft bauen sie ein Abhängigkeitsverhältnis auf. Das kann langsam und schrittweise erfolgen, so dass es dem Opfer irgendwann normal erscheint und es sich dieser Entwicklung lange nicht bewusst wird. In Gemeinschaften können sich so ganze Systeme bilden, die geistlichen Missbrauch unterstützen, auch ohne das absichtlich zu tun.
Täter oder Täterinnen könnenMachtmenschen, aber auch Personen sein, die mit Macht nicht umgehen können. Oder sie haben selbst Missbrauch erlebt, bestimmte Strukturen und ein bestimmtes Verhalten kennengelernt und bemerken gar nicht, dass sie Teil davon sind.

Wie lässt sich Geistlichem Missbrauch vorbeugen?
Auf allen Ebenen müsste stärker für die Problematik sensibilisiert werden, in der katholischen Kirche von den Bischofs- und Ordensobernkonferenzen bis zu den einzelnen Pfarreien, Ordensgemeinschaften, Gruppierungen. Denn je mehr das Problem anerkannt wird und Aufmerksamkeit erhält, umso eher fühlen sich Betroffene ermutigt zu sprechen. Und desto achtsamer kann auch die Umgebung sein.
Daneben ist schon bei der Auswahl, Schulung und Ausbildung für geistliche Begleitung genauer hinzuschauen, wer diesen Dienst machen will; eine Supervision anzubieten, nachzuprüfen: Wie läuft’s? All das kann helfen, Fehlentwicklungen vorzubeugen, aber diese Menschen auch zu unterstützen, auf gute, angemessene und gesunde Weise zu begleiten. Auch Gründungen und Anerkennungen von neuen Gemeinschaften und Bewegungen sollten strenger überwacht werden.

Wer einen Bibelkreis, eine Jugendgruppe oder Pfarrei leitet, könnte unsicher sein, ob er sich richtig verhält. Wozu raten Sie?
Zum einen, klar und transparent kommunizieren, sowohl den Mitgliedern der Gruppe gegenüber als auch nach außen. Von Anfang an klarstellen, was die Ziele und Inhalte sind, die Regeln im Umgang miteinander. Sich selbstkritisch immer wieder fragen: Will ich die Gruppe von meinen Vorstellungen überzeugen? Müssen alle denken wie ich oder lasse ich andere Zugänge, anderes Empfinden zu? Nehme ich Vorschläge und Anregungen auf oder würge ich sie ab? Lasse ich Kritik zu oder darf mir keiner widersprechen? Darauf achten, dass ich mein Wissen über einzelne Personen nicht an anderer Stelle „nutze“ oder Einfluss auf ihr Privatleben nehme, mich nicht in berufliche oder familiäre Dinge einmische, ohne dass ich um Rat gebeten wurde. Fragen zum eigenen Leitungsstil aber auch anderen stellen, die mich kennen und für die ich keine Verantwortung habe, sondern die mir auf Augenhöhe antworten können. Wer das berücksichtigt, reduziert die Gefahr, jemanden geistlich zu missbrauchen.

Herzlichen Dank für das Gespräch!
Clemens Behr

Katharina Anna Fuchs
geboren 1984, ist promovierte Psychologin und hat in Eichstätt und Rom studiert. Seit Herbst 2012 ist sie als Dozentin am Institut für Psychologie der Päpstlichen Universität Gregoriana in Rom in Lehre und Forschung tätig. Mit der Prävention von Missbrauch beschäftigt sie sich seit über zehn Jahren, unter anderem von Herbst 2012 bis Anfang 2020 am Zentrum für Kinderschutz der Päpstlichen Universität Grogoriana. Sie gehört mehreren internationalen und kirchlichen Beratungsgremien an, die sich mit Missbrauch und seiner Prävention befassen.

(Erschienen in der gedruckten Neuen Stadt, Januar/Februar 2021)
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