2. Oktober 2025

Wir alle sind zerbrechlich

Von nst5

Kein Mensch will süchtig werden. Und doch

geschieht es viel zu oft. Warum gerade der Wunsch nach Unabhängigkeit häufig in die Sucht führt. Und was das mit Scham und Würde zu tun hat.

Foto: © Barbara Schmidt-Keller

Herr Klein, ist Abhängigkeit ein Thema für wenige oder doch für uns alle?
Eindeutig für uns alle! Vollständige Unabhängigkeit ist eine Illusion. Wenn wir auf die Welt kommen, sind wir abhängig davon, dass uns jemand versorgt. Mit der Zeit entwickeln wir Fertigkeiten, die uns eigenständiger machen. Aber allein sind wir auch als Erwachsene nicht überlebensfähig. Wir sollten Abhängigkeit nicht als einen Makel ansehen, sondern als Grundbedingung menschlichen Lebens.

Wir alle sind abhängig?
Ja. Wir sollten uns unserer Zerbrechlichkeit bewusst sein und der Tatsache, dass wir aufeinander angewiesen sind; eine demütig-kritische Haltung den Dingen gegenüber einnehmen, die wir nicht ändern können. Je mehr ein Mensch seine Unvollständigkeit annimmt, desto besser ist er davor geschützt, in ungesunde Abhängigkeiten zu geraten. Es mag merkwürdig klingen: Aber die meisten Suchtkranken sind abhängig geworden, weil sie dem Ideal einer uneingeschränkten Unabhängigkeit gefolgt sind.

Das müssen Sie erklären!
Viele Menschen möchten alles im Griff haben. Sie denken: „Wenn ich unabhängig bin – von anderen Menschen, äußeren Umständen, auch von den eigenen Gefühlen –, dann ist es gut.“ Dieses Ziel ist aber nicht erreichbar. Die Enttäuschung darüber wird zunächst durch Konsum eines Mittels zu bewältigen versucht – eine Bewältigungsstrategie, die an Doping denken lässt. Gelingt dies nur unzureichend, kann der Konsum als Trost genutzt werden und später in eine Abhängigkeit vom Suchtstoff münden. 

Welche Formen von Abhängigkeit gibt es?
Hier unterscheidet man stoffgebundene Süchte – etwa die Abhängigkeit von Alkohol, Medikamenten, Nikotin oder illegalen Drogen – von stoffungebundenen Süchten; dazu gehören Kauf- und Internet-Sucht, die Abhängigkeit von Pornografie und in gewisser Weise auch Essstörungen – Magersucht oder übermäßiges Essen mit Erbrechen oder Fettsucht.

Wann wird Abhängigkeit gefährlich?
Sie wird dann riskant, wenn der Konsum zum Zentrum des Erlebens und Handelns wird und Ressourcen und alternative Bewältigungskompetenzen aus dem Blick geraten. Das gilt für den Einzelnen, aber auch im Zusammenleben: wenn etwa der Vater trinkt und die Familie alles um seine Abhängigkeit herum organisiert. Wenn die Wahlmöglichkeiten einer Person in Partnerschaften oder Familien immer kleiner werden und sich alles auf die Sucht konzentriert.

Besteht die Gefährdung also nicht in erster Linie darin, dass Abhängige ihrer Gesundheit schaden?
Es gilt drei Ebenen zu unterscheiden, die einen Menschen ausmachen: Da ist die biologische Ebene, der Körper; die psychische Ebene, das Denken und Fühlen; und schließlich die soziale Einbettung. Wenn eine Person abhängiges Verhalten zeigt, werden immer auch alle drei Ebenen negativ beeinflusst. Ihre Gesundheit leidet; ihr Denken und Fühlen werden enger, weil sie auf alle Freuden und Sorgen immer öfter auf die gleiche Weise, nämlich mit Konsum reagiert; auch die soziale Einbettung wird geschwächt, weil sich die Kommunikation und das Verhalten mehr und mehr um den Konsum herum organisieren.

Sind manche Menschen gefährdeter als andere?
Grundsätzlich hat jeder Mensch die Fähigkeit, abhängig zu werden. Und doch gibt es Faktoren, die Menschen anfälliger machen als andere. Abhängigkeit beginnt bei erwachsenen Menschen meist dann, wenn ihre bisherigen Lebenszusammenhänge infrage gestellt werden oder zusammenbrechen. Sie möchten das, was verlorengegangen ist, unbedingt wieder herstellen. Das ist aber in aller Regel nicht möglich. Eine Krise beginnt.

Warum reagieren Menschen so unterschiedlich auf Krisen?
 Das hat, rückblickend gesehen, biografische Gründe. Verkürzt gesagt, haben Menschen besondere Probleme damit, Krisen auch als Chancen zu sehen. V.a. dann, wenn sie bereits in der Kindheit Brüche, Grenzverletzungen und Überforderungen erlebt haben. Wenn diese nicht gut bewältigt wurden, kann sich das auch bei späteren Brüchen bemerkbar machen. Ähnliches gilt übrigens auch, wenn Kinder niemals darauf vorbereitet worden sind, dass es Brüche im Leben gibt. Überbehütet werden und nicht lernen, mit Krisen umzugehen. Wenn diese dann eintreten, weil sie zu einem Leben gehören, sind sie überfordert und neigen zu Ersatzhandlungen, die in eine Abhängigkeit führen können.

Gibt es auch eine biologische Veranlagung zur Abhängigkeit?
Es gibt Untersuchungen, die besagen, dass es genetische Faktoren gibt, die für Abhängigkeit anfälliger machen. Doch muss die genetische Veranlagung auf bestimmte Umweltbedingungen treffen, um in Gang gesetzt zu werden. Jemand, der genetische Vorbelastungen hat, dessen Leben aber einigermaßen gut läuft, wird nicht zwangsläufig abhängig.

Wie lässt sich am besten vorbeugen?
Mit der Vorbeugung, der Prävention, ist das so eine Sache. Was wir über Sucht zu wissen glauben, ist abgeleitet von den Menschen, die sich in Therapie begeben. Doch weniger als zehn Prozent aller Behandlungsbedürftigen beginnen überhaupt eine Therapie. Was die anderen 90 Prozent tun, wissen wir kaum. Über Prävention nachzudenken, bedeutet außerdem, das, was wir rückblickend über Sucht verstanden haben, nach vorne zu deuten. Das ist durchaus fragwürdig.

Tun wir es trotzdem einmal.
Gute Voraussetzungen hat ein Mensch aus meiner Sicht, wenn er in eine Umwelt hineingeboren wird, die ihm die Freiheit gibt, sich auszuprobieren, und zugleich ausreichenden Schutz bietet, wenn etwas schiefläuft. Einer meiner Ausbilder meinte augenzwinkernd, dass eine milde Form der Vernachlässigung eine gute Voraussetzung sei, um gut durchs Leben zu kommen.

Woran kann ein Mensch erkennen, ob er in eine Abhängigkeit abgeglitten ist?
Ich empfehle, sich aufrichtig selbst zu befragen: „Lebe ich das Leben, das ich leben will?“ Das ist eine große, aber wichtige Frage. Andere, vielleicht etwas kleinere Fragen lauten: „Gehe ich so mit mir um, wie ich das möchte? Gehen andere so mit mir um? Und gehe ich mit anderen so um?“
Die Frage „Wie gehe ich mit mir um?“ umfasst Aspekte wie: „Wie gehe ich mit meinem Denken und Fühlen um? Wie gehe ich mit meinem Körper um? Gebe ich ihm das, was angemessen ist? Oder gebe ich ihm Giftstoffe in einer Menge, die ganz offensichtlich schädlich sind?“

Hat jemand, der schon lange abhängig ist, die Fähigkeit, über sich selbst nachzudenken?
Die Sucht ist – körperlich, psychologisch und sozial – oft so beherrschend, dass diese Fragen zu Beginn einer Therapie die Klienten nicht erreichen. In aller Regel muss deshalb zunächst der Konsum verringert werden – oftmals über Entgiftung. Wenn die schlimmsten Entzugserscheinungen überwunden sind, kann ein Nachdenken darüber beginnen, auf welches Ziel hin der Klient an sich selbst arbeiten will.

Manche sagen, dass ein Abhängiger erst völlig am Boden sein muss, damit sich etwas ändern kann.
Ich empfinde diese Überzeugung als abwegig – menschlich, aber auch fachlich. Leider war sie lange auch im therapeutischen Bereich und in Selbsthilfegruppen verbreitet. Maßnahmen, die helfen können, sollten so früh wie möglich eingesetzt werden. Wenn jemand in der Gosse landet, trägt er Schäden davon, die man aus meiner Sicht vermeiden sollte – und oft auch vermeiden kann.

Was tun, wenn ein Mensch in der eigenen Umgebung Anzeichen einer Abhängigkeit zeigt?
Wer sich Sorgen um die seelische, körperliche oder soziale Situation eines Angehörigen macht, sollte diesem Menschen nicht mit Vorwürfen begegnen, sondern sagen: „Ich beobachte das und das, und ich mache mir Sorgen. Ich würde gerne mit dir darüber reden. Ist es in Ordnung für dich, wenn wir uns ein bisschen Zeit nehmen?“ Also eine liebevolle, aber durchaus kritische Ansprache wählen, die sich auf eigene Beobachtungen stützt.

Warum ist eine vorsichtige Ansprache so wichtig?
Ein Mensch, der aus welchen Gründen auch immer abhängig geworden ist, ist zu jemandem geworden, der er nie werden wollte. Abhängigkeit ist eng mit Scham verbunden. Wer jemanden anspricht, weil er ein Abhängigkeitsproblem vermutet, muss bedenken, dass er Scham auslöst. Wer Scham empfindet, fühlt sich in seiner Würde angegriffen. Deshalb ist es wichtig, einen Menschen so anzusprechen, dass er sich gesehen fühlt in seiner Not, in seiner Scham und in seiner Würde.

Das ist viel verlangt.
Häufig geschieht es tatsächlich anders. Dann bittet zwar ein Partner zunächst um Veränderung; wenn sie nicht erfolgt, fordert er sie genervt ein. Später wird er mit der Enttäuschung geradezu rechnen. Dann kommt es oft zu einer Zuspitzung, bis hin zu körperlicher Gewalt.

Was brauchen Menschen, die mit einem Abhängigen Leben?
Ich rate Angehörigen dringend, therapeutische Hilfe in Anspruch zu nehmen. Dort können sie sich fragen: „Welche Möglichkeiten habe ich, meinen Angehörigen anzusprechen? – Wo komme ich an Ohnmachtsgrenzen, und wie kann ich mit ihnen umgehen? – Wie kann ich aushalten, dass mein Einfluss begrenzt ist? – Wie kann ich lernen, mich nicht zu vergessen? Auf den Umgang mit mir selbst und meiner Müdigkeit? – Kann ich mit dem Partner zusammenbleiben oder muss ich mich, zumindest zeitweise, trennen?“

Was könnte die Politik tun, um Abhängigkeit zu reduzieren?
In der Geschichte hat es meines Wissens keine Gesellschaft gegeben, die ohne Rausch ausgekommen ist. Ich finde es richtig, dass die Politik deutlich macht, dass weniger Abhängigkeit besser ist als mehr Abhängigkeit. Sie kann den Zugang erschweren und den Preis erhöhen. Solche Signale sind wichtig, aber ich glaube nicht, dass das Bedürfnis nach Rauscherleben und damit die Zahl der Abhängigen merkbar zurückgehen wird.
Herzlichen Dank für das Gespräch!
Peter Forst

Foto: © Barbara Schmidt-Keller

Rudolf Klein,
Jahrgang 1956, ist promovierter Diplom-Sozialpädagoge, Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapeut, Systemischer Therapeut und Supervisor. 20 Jahre lang war er in der Psychosozialen Beratungs- und Behandlungsstelle des Caritasverbandes im saarländischen Merzig tätig. Seit 2003 arbeitet er als Systemischer Einzel-, Paar- und Familientherapeut in freier Praxis zunächst im Saarland, seit 2023 an der Mittelmosel. Seit 1988 lehrt er Systemische Therapie und Systemische Supervision – auch in Polen, Österreich und der Schweiz.


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Der Artikel oben ist erschienen in der NEUEN STADT, September/Oktober 2025.
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