Ein Lob auf das Lob
Das scheinbar leichte und positive Thema
erweist sich vielschichtiger als gedacht. Warum Loben trotzdem wichtig ist.
Illustration: (c) Nadzeya_Dzivakova (iStock)
Nähe leben, das war das Schwerpunktthema der Fokolar-Bewegung im letzten Jahr und soll es auch in diesem neuen Jahr noch sein. Wer weiß, ob und wie dieses Thema Sie durch das vergangene Jahr begleitet hat. Für mich gab es damit schöne, beglückende, aber auch herausfordernde Erlebnisse. Durchgehend begleitete mich dabei eine Aussage aus dem Interview, das wir mit Margaret Karram (1/2025) dazu führen konnten: Der/die andere bestimmt das Maß der Nähe. Erinnern Sie sich? Im selben Interview erzählte sie von einem neunjährigen Jungen, der ihr schrieb, dass Nähe für ihn bedeute, „das Herz des anderen zu erheben“. Für mich ein wunderschönes Bild, bei dem mir sofort ein Gefühl von Weite, Durchatmen und Aufleben kommt.
Als wir uns nun fragten, was wir zur weiteren Vertiefung dieses Jahresthemas „beisteuern“ könnten, kamen wir auf das Thema „Lob wagen“. Uns schien, dass es in unserer Gesellschaft oft gar nicht so leichtfällt, in guter Weise zu loben, einander Anerkennung und Wertschätzung auszudrücken. So, dass es nicht Lobhudelei, Einschmeicheln oder stereotyper Automatismus ist. Vielleicht hat das auch damit zu tun, dass wir – in Schule und Beruf – gelernt haben, „kritisch-analytisch“ hinzuschauen. Auf die Dinge, die Fragestellungen, die Menschen. Auch auf uns selbst. Häufig geht es darum, besser zu werden – und dafür braucht es den Blick auf die Schwachstellen. Nur wer sie sieht und anspricht, kann sie auch ausschalten. Das ist berechtigt und soll hier nicht in Frage gestellt werden.
Aber wir kennen das: Negatives bleibt mehr und länger im Kopf als Positives. So erinnert man sich eher an die eine negative Bemerkung zur neuen Brille als an die vielen positiven Kommentare dazu. „Während uns ein Wort der Kritik zu vernichten vermag, kann es uns durchaus kaltlassen, wenn uns jemand mit Lob überhäuft. Wir sehen das eine feindselige Gesicht in der Menge, während uns so manches freundliche Lächeln entgeht“, schreiben der US-amerikanische Sozialpsychologe Roy Baumeister und der Wissenschaftsjournalist John Tierney in ihrem 2019 erschienenen Buch „Die Macht des Schlechten“. All das nennen sie „Negativitätseffekt“ oder „Negativitätsdominanz“, im Englischen „Negativity Bias“. Sie beschreiben es als „menschliche Neigung, sich von negativen Ereignissen und Emotionen stärker beeinflussen zu lassen als von positiven“, und bezeichnen das Phänomen auch als „verzerrende Macht des Negativen“. Einen Grund dafür sehen sie in der Evolution: In der Menschheitsgeschichte haben jene leichter überlebt, die Gefahren besser und schneller einschätzen konnten.

Ob das auch der Grund ist, warum es oft schwerfällt, das Gute zu sehen und es ins Licht zu rücken? Unstrittig ist jedoch, dass positive Einstellung und wertschätzender Umgang die zwischenmenschlichen Beziehungen stärken. Wertschätzung aktiviert das Belohnungszentrum im Gehirn und hemmt das Angstzentrum. So können sich Kreativität, Motivation und Beziehungsfähigkeit entfalten. Mehr „Lob wagen“ also, um so Beziehungen und das Miteinander zu stärken.
Mit diesen Ausgangsgedanken starteten wir in erste Recherchen und Gespräche. Und welche Überraschung: Das scheinbar „leichte und positive“ Thema zeigte sich vielschichtiger als gedacht. Tatsächlich wird in vielen Ratgebern zur Kindererziehung und Pädagogik sogar vor dem Loben gewarnt. Lob schaffe Abhängigkeiten. Es hemme den Erfolg, sei manipulativ. Zu viel Lob schaffe Unsicherheiten. Und das ist auch nachvollziehbar: Wenn Lob als Bewertung verstanden wird, als eine Handlung, die etwas erreichen soll oder will, dann kann das durchaus zwiespältig sein. Und manipulativ. Übertriebenes, unzureichendes oder absichtsvolles Loben kann zweifellos auch schaden.
Und dennoch blieb die leise Frage: Kann es nicht doch auch stärken und Wachstum fördern?
Auf den folgenden Seiten werden Sie diesen unterschiedlichen Schattierungen immer wieder begegnen. Und vielleicht erleben Sie dann, was uns im Arbeiten nach und nach bewusst wurde: Auch beim Loben kommt es auf die innere Haltung an, auf Echtheit, Authentizität. Wenn Lob nicht zweckorientiert ist, nicht darauf ausgerichtet, beim anderen etwas zu erreichen, sondern wenn es Ausdruck von Anerkennung, Wertschätzung und Würdigung ist, kann es wohl kaum genug davon geben. Es richtet auf, baut Brücken, schafft Ermutigung und Bestärkung. Es lässt den anderen groß sein, erhebt ihn. Es drückt dann Nähe aus und baut Nähe auf.
In dieser Haltung, so meine ich, hat Loben sogar eine spirituelle Dimension, die weit über uns hinausweist: Wer Lob empfängt, wird gesehen mit dem, was er oder sie an Gutem zu geben hat. In einem Podcast zum Thema sprach jemand davon, dass es darum geht, „die Menschen beim Gelingen zu erwischen“. Das ist eine Einladung zum Perspektivwechsel – nicht am Negativen hängenbleiben, sondern das Gelingen, das Gute entdecken und ins Licht rücken. Verweist ein Lob nicht auch auf das Gute im Menschen, darauf, was Gott in ihn oder sie hineingelegt hat? Und darüber darf und kann ich mich mit ihr oder ihm freuen. Ganz ohne Neid und ohne Verzweckung.
„Einander mit den Augen Gottes sehen“, ist eine Einladung, die Chiara Lubich oft ausgesprochen hat. Sie fordert mich bis heute immer wieder heraus. Ein Gott, dessen Wesen Liebe ist, sieht die Menschen mit einem liebenden Blick, einem Blick, der ihnen Großes zutraut – er sieht das, was Anlass zur Dankbarkeit und Aufmerksamkeit gibt, auch wenn es noch so klein scheint. Mit ihm gemeinsam so auf die Menschen schauen, ihnen helfen, das zu sehen, was in sie hineingelegt ist und mich mit ihnen daran freuen.
Loben, anerkennen, wertschätzen. Das sind am Ende die drei Worte, die wir auf die Titelseite geschrieben haben. Weil wir meinen: Loben lohnt sich. Denn in einer Gemeinschaft, in der Lob und Anerkennung gelebt und gepflegt werden, kann ein Raum entstehen, in dem Menschen sich sicher fühlen, wachsen und sich gegenseitig unterstützen. Ein Raum echter Nähe.
Gabi Ballweg
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Der Artikel oben ist erschienen in der NEUEN STADT, Januar/Februar 2026.
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