4. Februar 2026

Glieder einer unendlichen Kette

Von nst5

Der Generation Z, also den zwischen 1997 und 2012 Geborenen,

wird nicht viel Gutes nachgesagt: „Sie hängen dauernd am Handy, jammern und wollen nicht arbeiten.“ Wir haben einen von ihnen gefragt: Was bewegt dich?

Illustration: Gearstd (iStock); starline (Freepik)

Man merkt nie, was schon getan wurde; man sieht nur, was noch zu tun bleibt. (Marie Curie)
Meine Generation – und ich als Teil davon – ist nur eine der vielen kleinen Glieder einer unendlichen Kette an Generationen. Mittlerweile sind auch wir schon nicht mehr die jüngste – gehören aber doch zur „letzten“. Es gibt neuere Glieder als uns. Das macht mich zu einem Glied inmitten von Kettengliedern, gefesselt zwischen dem, was war, dem, was war und noch ist, dem, was ist und noch wird und dem, was noch kommen wird. Und da frage ich mich, was mich bewegt – als Glied, das zwischen zwei Kettengliedern gefesselt hängt und weder vor noch zurück kann.
Alles bewegt mich. Ich bin nicht mehr das Ende der Kette, das alles noch zu tun und noch nichts getan hat. Ich merke, was das Vor-mir und was das Nach-mir bewegt, denn ich hänge direkt dazwischen. Mich bewegt also alles. Was die Kette bewegt, bewegt mich und meine Generation.
Gen Z. Das Z steht für zusammen – in erster Linie brechen wir zusammen. Uns verbindet die Angst vor Konsequenzen unwissender Handlungen, die wir nicht einmal verbrochen haben, aber deren Auswirkungen wir nun tragen müssen. Wir tragen die Verantwortung für morgen.

Mich bewegt die Angst vor Krieg und vor dem politischen Streit, der auf der ganzen Welt tobt. (Jonathan)
Ich weiß nicht, ob es Krieg geben wird; ich weiß nicht, wie lange das Klima uns noch aushalten kann; ich weiß so vieles nicht; ich weiß nur, dass es bergab geht – und ich weiß, dass es bergab immer schneller geht als bergauf.
Woher sollte ich denn auch die Zeit nehmen für ein Zusammen, wenn die Ängste um die Zukunft, für die ich verantwortlich bin, mich zerreißen? Aber nicht nur ich und meine Generation werden zerrissen. Andere Generationen kämpfen mit derselben Angst. Sie kämpften für Zukunft, haben die Waffen niedergelegt und müssen nun zusehen, wie die erstrebte friedliche Zukunft untergeht, wie die Sonne oder das Abendland. Klingt kryptisch, aber genauso fühlt es sich an. Also was bewegt mich?

Die Abgabefrist meiner Mathezettel; die Anforderungen, die mir der Wunsch, mich einmal ernähren zu können, auferlegt … und richtig gute Bücher. (Daniel)
Angst kann nicht alles sein. Wer nur von Angst bewegt wird, rennt ohne Ziel – rennt nur weg. Und wenn ich eines nicht kann, dann wegrennen. Wohin denn? Mich bewegt also mehr als das. Aber was?
„Gen Z hängt am Handy. Gen Z jammert. Gen Z will nicht arbeiten.“ So heißt es über uns. Ich hänge am Handy, weil ich die Welt vernetze. Ich jammere, damit meine Probleme gehört und nicht abgestritten werden. Ich will nicht arbeiten, wenn es nicht die Welt verändert. Also was bewegt mich?

Illustration: Gearstd (iStock); starline (Freepik)

Humor, Deep Talk1 und meine Beine. (Christina)
Eine Stimme, die voller Ironie und Sarkasmus sozialer Ungerechtigkeit entgegenschreit, damit sie nicht mehr totgeschwiegen werden kann. Der Wunsch nach Freiheit, nach Gleichheit, nach politischer Fairness und vor allem nach Liebe. Liebe deine:n Nächste:n wie dich selbst – bedeutet auch, dass man sich selbst lieben muss. Selbstlosigkeit, ja. Altruismus, schön. Aufopferung, tja.
Klingt kryptisch, aber so fühlt es sich an, wenn mir klar wird, dass meine, die „letzte” Generation, auch eine der ersten ist, der die Bedeutung von psychischer Gesundheit bewusst ist. Eine Kindheit voller Wünsche, eine Jugend eingesperrt im Lockdown und eine Zukunft voller Herausforderungen. Die Zeit, die mir zur Verfügung steht, will gut genutzt sein, aber soll mir auch einfach Freude machen dürfen, darf auch einfach für mich sein. Was für eine merkwürdige Frage: Was bewegt mich? Weißt du, was eine bessere Frage wäre?

Wie will ich meine Zeit schön ver(sch)wenden? (Laurens)
Es ist immerhin meine Zeit und manche Glieder der Kette glauben, mir sehr genau sagen zu können, wie ich diese Zeit zu nutzen habe, sodass sie gut ist. Sie glauben nicht nur, mir das sagen zu können, sondern es mir vorschreiben zu müssen. Merkwürdig. Muss mir aber egal sein. Es ist meine Zeit, also kann ich sie gestalten, wie es mir Freude bereitet. Immerhin muss ich am Ende mit mir selbst zufrieden sein. Ich will mich ja auch selbst lieben können. Was bewegt mich also, so zu denken?

Der Wunsch, die bestmögliche Version von mir selbst zu sein. (Lukas)
Und was ist die beste Version denn anderes als jene, die am Ende ihrer Zeit stolz sein kann auf ihre Leistungen, ihr Wirken, sich selbst? Es ist jedoch schwer, das schon vor dem Ende zu erkennen. Klingt kryptisch, aber so fühlt es sich an, sich selbst lieben zu wollen.

Mit Blick auf unsere Welt mit allen Unruhen kann es Teil der Lösung sein, dass wir einen Sinn finden für dieses Leben auf dieser wunderschönen Welt. (Clarina)
Genau das suche ich. Sinn. Die Suche nach Sinn in einer Zeit der sinnlosen Kriege, Streitigkeiten und Hassverbrechen gibt mir Richtung. Sie gibt mir ein Ziel. Doch was mich im tiefsten Herzen bewegt, ist vor allem Hoffnung. Wäre sie nicht, hätte mich das schon lange zum Stillstand gebracht. Mich bewegt die Hoffnung, Sinn finden zu können. Mich bewegt die Hoffnung, mich selbst lieben zu können, um auch andere zu lieben. Mich bewegt die Hoffnung, eine schönere Welt schaffen zu können – nicht nur für mich, sondern für die ganze Kette.

Mich bewegt das Schöne – es inspiriert mich, dazu beizutragen und Schönes zu schaffen. (Celina)
Das ist es, was mich bewegt. Doch natürlich nicht nur das, sondern viel mehr als das. Mich bewegt die Hoffnung, am Ende meiner Zeit sehen zu können, was mich bis dahin bewegt hat und wohin es meine Kette noch bewegen wird. Doch weil ich, meine Generation, es noch nicht trefflich formulieren kann, endet der Text auch mit einem Zitat:

Sinn kann nicht gegeben, sondern muss gefunden werden. (Viktor Frankl)
Bewegt dich das?
Adrian Mayr

1 Deep Talk = tiefergreifender, bedeutungsvoller Dialog in vertrauensvoller Umgebung

Adrian Mayr (21) ist Student des Lehramts für Deutsch und Ethik in Innsbruck. Unter dem Namen „Der Geist der Frühlings“ ist er erfolgreicher Poetry Slammer, trägt also selbstverfasste Texte bei modernen Wettbewerben für Dichterinnen und Dichter vor.


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Der Artikel oben ist erschienen in der NEUEN STADT, Januar/Februar 2026.
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