19. August 2026

Leere aushalten oder neu füllen

Von nst5

Wie lassen sich Gewohnheiten ablegen?

In jedem Zusammenleben entwickeln sich Gewohnheiten. Manche von ihnen erweisen sich mit der Zeit als nicht mehr stimmig oder gar lästig. Wie wird es möglich, sie abzulegen?

Melanie Vos
Verwaltungsangestellte, Fokolargemeinschaft Köln
Manche Gewohnheiten im Zusammenleben tragen lange, andere beginnen zu scheuern. Der erste Schritt ist: wahrzunehmen, wo etwas nicht mehr stimmt. Ist da ein kleines Störgefühl? Hat man etwas schon länger nur ertragen? Oder war es bisher gut – und passt jetzt einfach nicht mehr?
Besonders interessant wird es, wenn sich eine Gemeinschaft verändert. Neue Menschen bringen oft andere Erfahrungen, Rhythmen oder Blickwinkel mit. Dadurch geraten manche Selbstverständlichkeiten ganz sanft in Bewegung. Plötzlich taucht die Frage auf: Muss das eigentlich weiterhin so bleiben?
Je näher und vertrauter man sich ist, desto schwerer fällt es, Gewohntes infrage zu stellen – auch, weil man niemandem wehtun möchte.
In unserer Gemeinschaft prallen unterschiedliche Veränderungsstile aufeinander: Die eine spricht direkt, die andere sagt eher ja als nein. Eine verändert einfach etwas, weil es ihr richtig erscheint. Eine andere möchte alles erst gründlich besprechen – am liebsten mit Blick aufs Detail. Diese Vielfalt macht uns reich, aber sie fordert uns auch heraus.
Sich damit auseinanderzusetzen, kostet Energie. Doch es lohnt sich. Denn am Ende wollen alle dasselbe: gut miteinander leben. Reden hilft. Zuhören sowieso. Manchmal braucht es Gelassenheit. Oft Geduld. Immer Offenheit. Und eine gute Portion Humor.

Ansgar Bock
Führungskräfte-Coach, Höhenkirchen-Siegertsbrunn
Ja, es ist möglich, Gewohnheiten abzulegen. Voraussetzungen sind Mut und Vertrauen. Mut und Selbstvertrauen, über mein Bedürfnis nach Veränderungen zu sprechen; Vertrauen den anderen gegenüber, dass sie mich mit meinen Anliegen akzeptieren. Denn letztendlich müssen alle mitwirken, auch wenn sie die „Nicht-mehr-Stimmigkeit“ anders erleben.
Dann können drei Klärungsschritte hilfreich sein. Zunächst die Motivklärung: Alle sollten zumindest einen Grund für eine Veränderung nennen können. Entweder möchten sie etwas Unliebsames beenden, haben das Aufgeben einer Gewohnheit als „not-wendig“ erkannt. Oder sie haben ein Wunschbild, wie das Miteinander attraktiver sein könnte. Dann folgt die Nutzenklärung: Wozu dient die bisherige Praxis? Sie hat zumindest ursprünglich einen Zweck erfüllt, sonst wäre sie nicht zu einer Gewohnheit geworden. Entweder verabschieden wir uns von diesem Zweck, oder wir wollen ihn zukünftig anders erfüllen. Im dritten Klärungsschritt einigt sich die Gemeinschaft ergänzend zum „stop“ auf ein „continue“ und ein „start“: Sie nimmt also auch in den Blick, welche Gewohnheiten beibehalten werden und was sie neu beziehungsweise anders als üblich tun will. Denn die mögliche Leere, die entsteht, wenn etwas entfällt, will ausgehalten oder auf eine neue Weise gefüllt werden.

Dorothee Wanzek
Lehrerin, Zwochau
Selten kommen in einer Gemeinschaft alle gleichzeitig zur Erkenntnis, dass eine Gewohnheit nicht mehr für jeden stimmig ist. Mir fiel beispielsweise neulich auf, dass ich wohl die Einzige bin, die noch an den Spieleabenden in unserer Familie hängt. Für mich sind sie mit Erinnerungen verbunden, die ich festhalten möchte, mit dem Gefühl von Zusammengehörigkeit und Geborgenheit. Seit die Kinder flügge werden, überwinden sie sich eher mir zuliebe zu gelegentlichen Spielen, scheint mir. Für mich ist es an der Zeit, Abschied zu nehmen von einem Lebensabschnitt und mich zu öffnen für andere Wege, auf denen sich künftig unsere Zusammengehörigkeit zeigen kann. 
In jüngeren Jahren war eher ich diejenige, die sich an eingespielten Gewohnheiten störte. Ich verband sie damals eher mit Erstarrung als mit Geborgenheit. Als ich neu in einer Gemeinde war, nervte mich beispielsweise die Beharrlichkeit, mit der einige wenige ihre Aufgaben verteidigten, die sie im Dienst an der Gemeinde Jahre zuvor unter sich aufgeteilt hatten. Eine Zugezogene wie mich zum Mittun einzuladen, kam niemandem in den Sinn. Aufgaben weiterzugeben gelang dort erst, nachdem einige mit ihren Diensten Verwachsene gestorben waren und sich die Zusammensetzung der Gemeinde durch Fusionen grundlegend änderte.


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Der Artikel oben ist erschienen in der NEUEN STADT, Juli/August 2026.
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