15. April 2014

Geburtshelfer

Von nst1

Wenn Sie nicht lesen könnten, hätten Sie jetzt wohl kaum diese Zeitschrift in der Hand. Sie hätten schlechte Karten bei der Arbeitssuche und könnten sich nur schwer in unserer Gesellschaft zurechtfinden. Lesen – ist doch selbstverständlich! Wie mühsam aber war es als Kind, die Buchstaben und ihre Bedeutung zu lernen, wie lang war doch der Weg vom Erkennen der Zeichen bis zum Erschließen des Sinns. Wer Kindern vorliest, unterstützt sie auf diesem Weg .

Wenn die Angst vor dem Zahnarzt dazu führt, dass Kinder nicht hingehen und ihre Zähne verderben, werden sie später eine schmerzhafte Zeche zahlen. Elisabeth Danner, Zahnärztin in Graz, hat es mit ihrem Team geschafft, dass Kinder, die kein anderer Zahnarzt mehr behandeln wollte, sich gern von ihr in den Mund schauen lassen.

Wenn wir das Spiel der Kinder pädagogisch überfrachten, verlieren sie leicht das Interesse. Spielpädagogin Dagmar Hamm plädiert dafür, Kindern Freiräume beim Spielen zu lassen, in denen sie ihrer Fantasie freien Lauf lassen können.

Drei Ansatzpunkte, wie wir junges Leben ermöglichen, Kinder bei ihrem Reifungsprozess begleiten können. Natürlich freuen sich Erwachsene gleichermaßen über Begleitung in einer schwierigen Situation, über Hilfestellung in einem neuen Lebensabschnitt. In der schmerzhaften Lebensgeschichte eines Kolumbianers ist es die Gemeinschaft rund um das Begegnungs- und Bildungszentrum „Eckstein“ in Baar, die ihm die Freude am Leben zurückgeschenkt und einen Neuanfang in der Schweiz ermöglicht hat.

Die Verfechter der „Gemeinwohl-Ökonomie“ gehen davon aus, dass auch der Wirtschaft eine Neuausrichtung guttun würde. Ihr Konzept setzt auf Solidarität und Demokratie, will nachhaltig, ökologisch und sozial gerecht sein. Auf so manchen Kritiker wirkt es utopisch. Andererseits ist augenscheinlich, dass unsere jetzige Art zu wirtschaften vielen Menschen, die Arbeit haben, gesundheitsgefährdenden Stress bereitet, zahllosen anderen aber nicht genug zum Leben übrig lässt, natürliche Ressourcen vernichtet, Müllberge produziert … Warum also nicht andere Ansätze ausprobieren?

Im April führt uns das christliche Osterfest einen überraschenden Neuanfang vor Augen: Das Leben von Jesus Christus, das vernichtet war, ersteht neu, in anderer Form, so von niemandem vorhergesehen. In den letzten Stunden des Leidens vor seinem Tod laufen viele Freunde davon; nur wenige sind bereit, die schweren Momente mit ihm zu teilen: seine Mutter Maria zum Beispiel und sein Jünger Johannes. Ohne es zu ahnen, sind sie so gleichsam Geburtshelfer beim Übergang zu seinem neuen Leben geworden.

Mein Wunsch in diesem Monat für Sie und für mich: Dass wir auf ähnliche Weise Geburtshelfer sind – achtsam darauf, wo wir schmerzliche Momente teilen, Umbruchphasen und Neuaufbrüche begleiten, Freiräume erschließen, Reifungsprozesse unterstützen, neues Leben ermöglichen können.

Ihr

Clemens Behr

(Erschienen in der gedruckten Neuen Stadt, April 2014)
Ihre Meinung ist uns wichtig, schreiben Sie uns! Anschrift und E-Mail finden Sie unter Kontakt.
(c) Alle Rechte bei Verlag Neue Stadt, München