Auf dem Weg zur Freude

Welche Voraussetzungen sind nötig, um zur Lebensfreude zu gelangen? Was verstehen wir überhaupt darunter?

„Geht es ihm heute nicht gut? Er meckert gar nicht!“ Granteln, nörgeln, jammern, grundsätzlich dagegen sein, sich auslassen über alles, was einem nicht passt: Das scheint für manche Menschen zum Selbstverständnis zu gehören. Damit fühlen sie sich wohl. Es scheint, als hätten sie ohne Maulerei weniger Freude am Leben. Damit tragen sie nur leider nicht zu meiner Lebensfreude bei. Aber sagen dürfen, was ich denke, und nicht jedes Wort auf die Goldwaage legen müssen, ist auch für mich einer von vielen Aspekten, die ich mit Lebensfreude verbinde. So wie auch mal ausgelassen albern sein können – ein Ausdruck von Freiheit und Unbeschwertheit.
Lebensfreude. Das ist für jeden etwas anderes. Spaß haben, genießen, zufrieden sein kann dazugehören. Man kann Lebensfreude als vorübergehenden Zustand weniger Augenblicke oder Stunden auffassen oder aber als längerfristige Äußerung einer Grundzuversicht, eines Grundvertrauens. Bis dahin, dass sie mit einer Widerstandskraft verbunden ist, einer inneren Kraftquelle, die einen Menschen zwar nicht davor bewahrt, durch derbe Schicksalsschläge in seinen Grundfesten erschüttert zu werden, ihn aber trotz allem noch Halt und Orientierung finden lässt.
Was macht für Sie Lebensfreude aus?
Manche verbinden damit eher eine stille Freude, mal untergründig, mal unerwartet; so unaufdringlich, dass andere sie gar nicht erst bemerken. Für manche kommt sie ausgelassen daher, laut, überbordend, mit einer Überschwänglichkeit, die feinsinnige Gemüter wiederum als einengend, erschlagend oder übergriffig empfinden.

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Welchen Zugang ich zur Lebensfreude finde, kann von Situation und Tagesform abhängen, sich in unterschiedlichen Lebensphasen aufgrund von Schicksalsschlägen, Verletzungen oder Erfolgserlebnissen verändern.
Wer kein Dach überm Kopf hat, nicht weiß, ob er morgen etwas zu essen bekommt, wer unter Kriegsgefahr um sein Leben und das seiner Lieben bangt, der wird zwar auch Momente der Freude, wohl aber kaum länger andauerndes Glück verspüren. Sind die Grundbedürfnisse nicht erfüllt, wird sich bei einem Menschen nur schwer Lebensfreude einstellen.
„14 Tipps für mehr Glück im Alltag“ oder „Die Zehn Gebote der Lebensfreude“: Zahllose Ratgeber vermitteln Anleitungen zum Glücklichsein, manche eher oberflächlicher Art, manche mit wertvollen Anregungen. Hier einige Punkte, die immer wieder genannt werden bei der Frage, was es braucht, um Lebensfreude zu empfinden:
Bin ich mit mir selbst im Reinen? Wer sich angenommen fühlt – von seinen Eltern, Geschwistern, von Freunden, Kollegen, Bekannten, von Gott – hat schon mal gute Karten. Und wer sich selbst annehmen kann. Wer hohe Erwartungen an sich selbst hat, die nur schwer zu erfüllen sind und denen er immer hinterherhinkt, wird sich schwerer tun als jemand, der im Frieden mit sich ist – mit seinen gefälligen Seiten wie auch mit seinen Unzulänglichkeiten und Dunkelheiten. Es allen recht machen zu wollen und sich übermäßig von den Erwartungen anderer abhängig zu machen, kann die Lebensfreude hemmen. Trüben wird es sie auch, wenn man sich ständig mit anderen vergleicht, die es vermeintlich besser haben, besser können, die besser aussehen oder Besseres besitzen. 
Mit dem Sich-angenommen-Fühlen hängt oft auch die Qualität der Beziehungen zusammen, in denen ich lebe. Wenn die Beziehungen in meinem Umfeld stimmen, kann mein Grundlebensgefühl nur gewinnen.
Auf weitere Aspekte werden Sie auf den nächsten Seiten stoßen. Zum Beispiel, dass unser Streben nach Lebensfreude auch ins Gegenteil umschlagen kann, wenn wir uns damit unter Leistungsdruck setzen. Das passiert gerade auch Christen, wenn sie sich daran messen, dass die Freude für sie ein Erkennungsmal sein soll. Das Johannesevangelium erzählt, wie Jesus den Menschen seinen Vater, Gott, seine Liebe, sein Wort, seine Gebote nahebringt und dann erläutert: „Dies habe ich euch gesagt, damit meine Freude in euch ist und damit eure Freude vollkommen wird.“ (Johannes 15,11) Und der Apostel Paulus fordert die Gemeine in Philippi auf: „Freut euch im Herrn zu jeder Zeit! Noch einmal sage ich: Freut euch!“ (Philipper 4,4) – Eine Aufforderung, ständig mit fröhlichem Gesicht herumzulaufen? Freude lässt sich doch nicht befehlen. Noch stellt sie sich mit der Taufe automatisch ein. Auf der anderen Seite ist verständlich, dass Fragen auftauchen, wenn sie gerade bei Christen völlig fehlt: „Bessere Lieder müssten sie mir singen, dass ich an ihren Erlöser glauben lerne: erlöster müssten mir seine Jünger aussehen!“, beklagte der Philosoph Friedrich Nietzsche in „Also sprach Zarathustra“ bitter enttäuscht.

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Die Freude ist ein Geschenk. Über das „Freut euch!“ von Paulus hat der Jesuit Bernd Hagenkord, ehemaliger Leiter der deutschsprachigen Abteilung von Vatican News und geistlicher Begleiter des Synodalen Wegs, Ende Januar bei der ersten synodalen Versammlung in Frankfurt gepredigt. Es gehe weder um Emotionen auf Knopfdruck noch um erzwungene Heiterkeit, sondern um eine christliche Grundhaltung, um etwas, was in Gott gründet. Gott bietet die Quelle, die Chance, den Raum der Freude, so Hagenkord. Um zur Freude zu kommen, die die Christen auszeichnen soll und die sie weitergeben sollen, ist ein Weg zurückzulegen. Ein gemeinsamer Weg, auf dem wir mit Blick auf die Schwierigkeiten Schritte machen können. Zu diesem Weg gehört laut Hagenkord: Einander teilhaben lassen an dem, was uns bewegt. Sich weit offen halten und sichtbar bleiben, statt sich einzuschließen. Sich nicht sorgen, nicht um sich kreisen und auf die eigenen Kräfte zählen, sondern auf Gott bauen. – Das Bild gefällt mir: Freude als Weg, von dem wir abkommen, auf den wir aber auch immer wieder zurückkehren können. Ein Weg, auf dem wir gemeinsam unterwegs sind, selbst wenn wir uns allein fühlen. Für diesen Weg finden Sie – so hoffen wir – auf den nächsten Seiten einiges an Proviant, Warntafeln und Navigationshilfen.
Clemens Behr

(Erschienen in der gedruckten Neuen Stadt, Juli/August 2020)
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